Der letzte Tag in Frankreich auf dem Roller. 38 entspannte Kilometer bei leichtem, kaum spürbaren Gegenwind, gerader Strecke und Sonnenschein. Selbst der Straßenbelag meinte es noch mal gut mit mir. Er war nicht so rumplig rau wie gestern, sondern eher glattgefahren.

Das Gelände war flach, Felder und Weinplantagen, ab und zu ein bewaldeter Hügel. Die Aufreger des Tages waren ein Güterzug, der bespannt mit zwei großen Dieselloks eine von mir totgeglaubte Bahnlinie befuhr und die Straße kreuzte, und vermutlich Getreide oder anderes Schüttgut transportierte.

Das zweite Highlight war ein Wiedersehen: gestern, als ich gerade meine Roller bergauf schob, hielt neben mir eine Transporter der Gendarmerie. Nett wurde ich gebeten, noch weiter rechts zu laufen, als ich es ohnehin tat, also durch Gras und Straßengraben. Ich gab mich einsichtig, wartete, bis er weg war, und fuhr weiter wie bisher.

Heute hielt ein (ziviles) Elektroauto neben mir, die Scheibe wurde runtergelassen, und der Gendarm von gestern fragte, ob alles ok sei und wo ich hinwolle. Dann bot er mir an, mich bis nach Chalon mitzunehmen, wenn ich meinen Roller falten könne. Das musste ich leider leider ablehnen, denn ich wollte ja fotografieren. Auch war es erst kurz nach 11 und ich hätte mein Quartier so zeitig nicht beziehen können, hätte also ewig in der Stadt rumtrödeln müssen.

Den Proviant für den Tag hatte ich gleich morgens in einem kleinen Dorfladen, nicht weit weg vom Schlosshotel gekauft. Das war gut so, denn als ich im einzigen größeren Ort an der Strecke zu einem Bäcker ging, gab es dort nur noch ein Rudel Baguettes und Süßkram für Kinder. Trockenes frisches Baguette macht mir nichts aus. Ja, es war wieder extrem dünn besiedelt. Öde, wie Seumes es formulierte.

Schon kurz nach zwei war ich in Chalons de Champagne. Schnell geduscht, und jetzt sitze ich im Zentrum der Stadt vor einem riesigen Eisbecher mit sündhaft viel Sahne obendrauf. Morgen ist Schluss mit dem täglichen Maximalworkout, dann muss die Ernährung wieder dem mäßigen Energieverbrauch angepasst werden. Auch heute musste ich insgesamt wieder gut acht Kilometer bergan schieben.

Man hat ja beim Gehen viel Zeit zum Grübeln, und abends Zeit zum Recherchieren. Also habe ich nochmal etwas zu den Schlachten in der Gegend gelesen.

Bei der Schlacht bei Montraile hatte Napoleon die besseren Aufklärer. Seine in Russland 1812 und dann in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 schwer gebeutelte Armee sah sich den nachrückenden Armee aus Preußen, Russen und Österreichern ausgesetzt. Zahlenmäßig deutlich unterlegen, etwa 1 : 6 standen die Zahlen der Truppen, gelang es ihm die getrennt marschierenden und schlecht koordinierten Armee unter Blücher nacheinander zurückzuwerfen. Damit konnte er durch taktisches Geschick seinen Erfolg von Jena 1806 wiederholen.

Auch bei der Schlacht an der Marne wurden die schwach geführten Deutschen in der Gegend zum Stehen und zu einem teilweisen Rückzug gebracht.

Was mich schwer beeindruckte: in beiden Kriegen mussten die Armeen teilweise nachts Gewaltmärsche von um die 60 km am Stück absolvieren. Immer wieder wurden Truppen verlegt, herumkommandiert. Was das bedeutet haben muss, wurde mir klar, als ich selbst zwischen den Orten des Geschehens ein paar Tage herumfuhr. Im Fabruar 1814 war darüber hinaus das Gelände vom Tauwetter völlig schlammig, für Wagen und Geschütze abseits der Straßen unpassierbar. Immerhin: Napoleon kannte das Gelände gut und konnte die wenigen befestigten Straßen nutzen.

All das war weit nach Seumes Reise durch die Champagne. Wie oben zitiert, widmete er der an sich recht lieblichen Landschaft nur ein paar dürre Sätze.

Für mich ist es immer wieder interessant, am eigenen Leib zu spüren, welche physischen Leistungen die Menschen vor mehr als 200 bzw. vor mehr als 100 Jahren bewältigen. Deshalb schlage ich mich manchmal die nette Mitfahrgelegenheit freundlicher Gendarmen aus.

Am Morgen zwischen Feldern und Weinbergen
Bonusmeilen Teil 2 Von Etoges nach Chalong de Champagne
23 . September 2026, 39 km
Das Schlosshotel in Etoges.

Erst Tankstelle, dann Pizza, dann nichts mehr.

Unten: Blick auf Chalon