Einmal über den Vierwaldstädter See kostet 85 €. Aber über den Lago Maggiore komm ich für die Hälfte.
Die Regionalbahn von Sesto Calende hatte etwas Verspätung, das war mein Vorteil. Ansonsten hätte ich aber auch nur eine halbe Stunde warten müssen. Für 2 € war ich nach wenigen Minuten in Ancona, wo ich bereits das Boot um 09.30 nehmen konnte. Es blieb sogar Zeit für eine Auskunft nach der Weiterfahrt nach Locarno. Um 17.00 h ginge das, meinte die Dame am Ticketschalter, nachdem sie mich angefahren hatte, ich dürfe meinen Roller nicht in den Verkaufsrum mitnehmen. Um 19 h sei ich dann in Locarno. Aber das Ticket für diesen Teil der Strecke könne ich erst in Stresa kaufen.
Als ich das dort tat, beschied man mir, dass das Boot bereits um 15.30 h gehen würde. Soll mir recht sein, denn so war das Budget an totzuschlagender Zeit nicht ganz so heftig.
Das Boot von Ancona fuhr Zickzack über den See. Es war vielleicht zu einem Viertel besetzt. Der Tag war frisch, die Landschaft noch in graublauem Dunst verborgen. Die Sonne blieb hinter Schleiern, die Berge: nur zarte Konturen. Seume behauptet, er hätte die Schneegipfel der Alpen schon von Mailand aus gesehen. Angeblich soll das vom Dach des Domes aus an klaren Tagen auch heute möglich sein. Vielleicht, wenn alle Autos, alle Betriebe und Flugzeuge mal für eine Woche verschwinden. Und niemand raucht.
Stresa liegt etwa auf den unteren Drittel des Sees. Seume muss mit seinem Fischer ewig gesegelt oder gerudert sein. Der gediegen genietete Kahn brauchte heute gut eine Stunde für diese erste Etappe.
Stresa ist eine bestens aufgeräumte Stadt. Sie besteht gefühlt nur aus Hotels, Eisdielen, Restaurants. Ich fand jedoch glücklich auch einen Carrefour Supermarkt und kaufte eine große Packung Pflaumen sowie ein Bündel quietschbunter Microfaser-Wischlappen, die mir für die verbleibende Zeit als Handtücher dienen werden. Zu Hause sind sie dann auch noch nützlich. Aber wenn man versucht, in einer Stadt wie dieser ohne Geheimwissen einfach nur ein Handtuch zu kaufen, ist man erledigt. Für 3,50 € spare ich so die Handtuchmiete in der Schweizer Jugendherberge heute Abend. Voll nachhaltig, alles, was ich mache.
Die Hälfte der Pflaumen habe ich sofort gegessen, nachdem ein Trinkbrunnen zum Waschen gefunden war. Dann bin ich mit dem Roller die Promenade der Grandhotels abgefahren. Viele berühmte Gäste haben hier logiert, z.B. mehrfach Hemmingway, bedeutende Konferenzen wurden abgehalten. Einmal ist hier eine Seilbahn abgestürzt. Ein andermal ein Boot mit Vertretern des italienischen Geheimdienstes und des Mossad gekentert. Jeweils diverse Tote. Das waren die Aufreger dieses Ortes.
Drei Stunden saß ich dann im Café Savoy, Gleich gegenüber vom Bootsanleger, habe geschrieben, Leute beobachtet, Lamborghinis gezählt. Das Publikum hier wirkt durchweg vermögend, die Restaurants sind schon am Tage gut gefüllt. Aber viele der Herrschaften tun mir irgendwie leid. Wie wäre ich wohl als Mensch, wenn ich einfach mal so ne Woche hier ins Grandhotel einchecken könnte? Wenn meine Frau mit elegantem Strohhut im hochglanzpolierten Jeep am Steuer säße? Oder eine gigantische Perücke auf einem Kopf trüge, der wie ein Stück Dörrobst aussieht? Und ich: Bauch auf Stelzen, weißer Schopf und fette schwarze Klunkerbrille?
Wird alles nicht passieren, und das ist auch gut so. Alles entspannt beobachten und dann irgendwann wieder in Berlin.
Berlin. Das wird bei den Italiener erstaunlich wohlwollend konnotiert. Bäume, breite Straßen, und die Geschichte. Bei letzterem frage ich mich, was genau da gemeint ist? Die verschwundene Mauer? Und angeblich sei es so sauber. Na gut, aber nur deshalb, weil ich einmal im Monat den Müll aus der Rabatte vor meinem Haus pflücke. Es soll ja auch auf anderen Kontinenten einige Berlins geben.
Hier in Stresa, sind hier alle glücklich? Ab wieviel Millionen hört man für immer auf traurig zu sein? Und einigen von Euch sieht man an: Essen ist der Sex der alten Leute. Oder Dauerrauchen, damit man schlank und faltig wird. Wer reich ist, kann auch schlank sein.
Um 15.30 h dann wieder auf den Dampfer. Es ist das gleiche Boot, mit dem ich bereits heute früh fuhr. Ein Mann von der Besatzung rief mir zu „Hey Eric, nach Locarno musst du noch fünf Minuten warten.“ Da ist es doch ganz praktisch, wenn der Rucksack etwas beschriftet ist.
Das Schiff steuerte nun alle Inseln an, zu deren Besuch diverse Halsabschneider teure Exkursionen anbieten. Bis Locarno 18,50 €. Und eigentlich hätte ich noch den Rabatt für 65+ haben können, hab dummerweise erst zu spät das Schildchen gelesen. Erfreulich hingegen, dass die Dame am Schalter mich nicht nach dem Alter gefragt hat, sie wohl offensichtlich davon ausging, dass ich nicht zu 65+ gehöre. Rede ich mir jedenfalls tröstend ein.
Die Fahrt ging dreieinhalb Stunden. Ich habe geschrieben, ab und zu fotografiert. Aber irgendwie fand ich das düstere Graublau dieses Tages und die mir unbekannten Berge dann ermüdend. Nur selten brach die Sonne dramatisch heraus. Einige der Orte kannte ich vom Namen, Ascona z.B., aber vom Wasser sahen sie alle irgendwie gleich nett aus. Leute saßen in den Restaurants an den Uferpromenaden, Kinder winkten dem Boot. Ab und zu dachte ich: jetzt würde ich gern aussteigen zu einem Glas Wein, in ein schönes Hotel.
Aber ich saß geduldig im Lärm und Mief des Diesels auf dem Oberdeck. In solchen Situationen, wenn ich auf Reisen bin, die Dämmerung einsetzt oder einfach nur triste Farben dominieren, bekomme ich einen seltsamen Einsamkeitsblues. Dann wird mir schlagartig alles zu viel. Aber gut, ich hatte Quartier, und hatte auch Glück, dass ich am Bahnhof nur 15 Minuten auf die S-Bahn nach Bellinzona warten musste.
Die fuhr dann auf geräuschlos perfektem Gleisbett noch mal eine gute halbes Stunde. Es ging vorbei an gepflegten Industriebetrieben, die teilweise noch betriebsfähige Anschlussgleise besaßen. Das Tal wurde enger, die Berge höher. Das gab mir einen Vorgeschmack auf meine morgige Etappe nach Airolo mit 560 Höhenmetern auf 18 km Strecke. Aber es ist die alte asphaltierte Straße, die parallel zu Bahn und Autobahn verläuft. Ich muss also nicht kraxeln und schleppen, finde vielleicht ab und zu ein horizontales Stück.
Aber wirklichen Bammel habe ich vor übermorgen. Da muss ich auf Gedeih und Verderb mehr als 1.100 m Höhe machen, auf 16 km, also recht steil. Es sind die Serpentinen der alten Passstraße. Bis Altendorf geht es dann vom Pass allerdings gut 50 km bergab, 1700 Höhenmeter.
Morgen soll es etwas regnen. Übermorgen auch. Ich hoffe, dass die Wolkendecke immer mal aufreißt, das verspricht jedenfalls das Regenradar. Jetzt, wo ich endlich mal in den Alpen bin, wäre doch schade.
Draußen auf dem Flur kreischen die Teenies. Bin offenbar in irgendeine Klassenfahrt geraten.
Aber gut, habe ein Einzelzimmer und neben mir steht Tee.

Mein Blick aus dem Cafe Savoy
