Heute bin ich zeitig los, denn es war noch angenehm kühl. Wegen des UV-Schutzes fahre ich aber immer im langärmligen Tropenhemd mit hochgeschlagenem Kragen und Helm sowieso.

Die Strecke führte mich durch diesen hier typischen Siedlungsbrei, bei dem zwischen alten und neuen Fabriken mal ein mehrstöckiges Wohnhaus steht und zwischen mehrstöckigen Wohnhäusern mal wieder eine Fabrik. Ortskerne kann man bestenfalls an den Kirchen erkennen, Ortsgrenzen am Schild an der Straße. Die ganze Gegend um Mailand erinnert mich ein wenig an das Ruhrgebiet in Deutschland, das ich vor vielen Jahren einmal wandernd mit meinen jüngsten Sohn durchquerte.

Außer ein paar alten Industriellenvillen gab es kaum Sehenswürdigkeiten. Als ich am Flughafen vorbeikam, der den etwas euphemistischen Namen Aeroporto di Milano Malpensa trägt, und auf dem man möglichst nur mit einem Frachtflugzeug landen sollte, wusste ich, dass ich jetzt endlich an den Ticino komme. Vom dem Plateau, auf dem ich noch durch halbwegs bewaldetes Gebiet rollte, ging es dann eine historische Straße steil bergab. Die war von diversen Sturzbächen so heftig ausgewaschen, dass ich meinen Roller schieben musste.

Ich landete dann aber nicht am Fluss, sondern an einem betonierten Kanal, dem Canale Vironese, dem hangab ein weiterer an einer Mühlenruine mit einem großen eisernen unterschlächtigen Mühlrad folgte. Dem Canale Industriale folge ich dann etliche Kilometer auf einem asphaltierten Wartungsweg, den ich mir mit zahllosen Renn- und Gravelbikefahrern teilte.

Ein wirkliches highlight war dann eine riesige Staustufe beider Kanäle mit einer imposanten betonierten Schleusentreppe. Alles nicht mehr in Betrieb, aber das Wasserkraftwerk funktioniert noch, wie an anderen Staustufen entlang meiner Route auch.

Den Fluss sah sich erst viele Kilometer weiter, aber nur in stets aufgestauter Form, so dass von einer Strömung nichts zu spüren war. Immerhin: seine Ufer sind kaum verbaut. Boote sind auch nicht zu finden, nicht mal irgendwelche Ruderclubs.

Die ganzen Staustufen und die weitverzweigten Kanäle hat man weit nach Seumes Zeit gebaut, wohl um Hochwasser zu regulieren, aber auch um Wasser an die Fabriken und in die Felder zu leiten. Schließlich dienten sie auch dem Transport, z.B. den Marmorblöcken für den Mailänder Dom.

Diesen sah Seume übrigens auch nur als in weiten Teilen unfertiges Projekt, denn erst Napoleon ließ ihn substanziell weiterbauen, brauchte er ihn doch auch, um sich darin als König von Italien krönen zu lassen.

Seume schreibt zu diesem Teil seiner Strecke:

„Den vierzehnten Juni ging ich aus Mailand und ging diesen Tag herüber nach Sesto am Ticino (da übernachte ich heute, und das sind von Mailand 60 km – d.A.), den ich nicht für so beträchtlich gehalten hätte als ich ihn fand. In der Gegend von Mailand war schon eine Menge Getreide geerntet und alles war in voller Arbeit; und als ich über den Berg herüberkam, fing das Korn nach Altorf (das ist in der Schweiz – d.A.) herunter eben erst an zu schossen: das ist merklicher Kontrast. Die größte Wohltat war mir nun wieder das schöne Wasser, das ich überall fand. Von Mailand hatte ich die beschneiten Alpen mit Vergnügen gesehen und nun nahte ich mich ihnen mit jedem Schritte, und kam bald selbst hinein. Von Sesto aus fuhr ich auf dem Ticino und dem Lago Maggiore herauf, bloß um die schöne Gegend zu genießen, die wirklich herrlich ist. Ich kam aus Unteritalien und Sizilien, und gab mir also keine große Mühe die Borromeischen Inseln in der Nähe zu sehen, da mein Schiffer mir sagte, es würde mich einen Tag mehr und also wohl zwei Dukaten mehr kosten. Ich sah also bei Varone links an der Anhöhe den gigantischen heiligen Karl Borromeus aus der Ferne, und fuhr dann sowohl bei der schönen Insel als bei der Mutterinsel vorbei.“

Diese Fahrt mit dem Boot hätte ich auch gern gehabt, aber leider ist sie nicht mehr im Angebot oder mit privaten Skippern unbezahlbar.

Aber ein kleines Stück wenigstens werde ich auf dem See fahren: morgen früh mit dem Zug nach Arona. Dort gibt es eine Fähre nach Locarno.Oder wenigstens nach Streso.

Von Locarno dann mit der S-Bahn nach Bellinzona, meinem morgigen Tagesziel. Dort kann ich in der Jugendherberge im Einzelzimmer mit Gemeinschaftsbad für schlanke 86 € inkl. Frühstück übernachten. Bettwäschen muss ich mieten. Mein Handtuch muss ich heute noch suchen, tief im Rucksack oder irgendwo vergessen …

Der Tichino kurz vor Sestro Calende
Tag 13 Von San Vittore Olona nach Sestro Calende
26. August 2026, 41 km bis km 678
Alte Fabrik bei Ferno

Mühlrad

Unten: Bahnstrecke