Heute Morgen nach einigen E-mails ein Päckchen nach Hause geschickt. Dann ein Besuch des Doms. Das wollte ich als erstes machen, um ein wenig den anschwellenden Touristenströmen zu entgehen.
Das Ticket kann man online buchen, anders ist ein Zugang nicht möglich. Das Äußere des Domes überwältigt mit extrem detailreichem Figurenschmuck. Fast alles ist aus weißem Marmor gefertigt. An den Bronzetüren haben sich einige abgewetzte, goldglänzende Stellen entwickelt, offenbar, weil einige Reiseführer hier Glückslegenden verbreiten.
Das Innere ist etwas enttäuschend. Zwar gibt es auch hier reichlich Schmuck, vor allem die riesigen bunten Glasfenster haben es mir da angetan. Allerdings ist die Beleuchtung eines solchen Ortes nicht würdig. Sobald man den Kopf hebt, wird man von hellen Halogenstrahlern geblendet, die wohl die Säulen betonen sollen, aber einfach als grelle Lichtpunkte den Raum beeinträchtigen.
Wo auch immer man hinschaut – es wird an jeder Ecke irgendwie gebaut und restauriert. Viele Bereiche sind wie auf einer Weidekoppel beim Schafscheren mit Barrieren und Seilen angesperrt.
Zwar mahnen Schilder zur Ruhe. Aber das verhindert nicht, dass vor allem einige asiatische Touristen hemmungslos und bei jeder Gelegenheit Selfies machen.
Witzig fand ich Führungen per Videobrille. Da saßen Leute in der Kirchenbank mit diesen klobigen Dingen auf dem Kopf und ich fragte mich: wozu braucht ihr VR, wenn die Realität zum Greifen nah vor Euch ist? Was sehr ihr, was ich nicht sehe?
Zum Frühstück wollte ich mich etwas vom Dom entfernen. Erst musste ich aber noch durch die Galeria Vittorio Emanuelle II. Das ist sozusagen das weltliche Gegenstück zum Dom und eine Kathedrale des Geldes. Man erfreut sich am Anblick und denkt, dass es wenig Sinn macht, auch nur einen der Läden zu betreten. In den Restaurants stehen die Kellner mit Fliege und weißer Weste, da muss ich auch nicht rein.
Ich bin ein wenig durch die Gassen geschlendert, habe mich ab und zu an den alten Straßenbahnen erfreut, und dann doch gedacht: hier sind die Dimensionen der Paläste in denen der Kutschen angelegt, nicht in denen eines Fußgängers. Da läuft man halt 100 m an der Italienischen Nationalbank entlang und es passiert nicht wirklich was. Fast vermisste ich da schon wieder das mittelalterliche Gassengewirr von Lodi.
Zum Frühstück in einer Bar Rührei mit Speck und Brot. Ich muss hier ordentlich Eiweiß zu mir nehmen, sonst baue ich Muskeln ab bei der Anstrengung. Immerhin, am Gürtel bin ich beim letzten Loch gelandet, so eng muss ich ihn inzwischen schnallen.
Es war erst gegen 12, und so habe ich mich entschlossen, noch dem Museo Novecento einen Besuch abzustatten. Da hätte ich auch Anselm Kiefer ansehen können. Aber ich wollte ja was über die italienische Moderne lernen.
Übrigens hat man für die 10 € Eintritt von einigen Räumen des Museums einen tollen Blick auf den Dom, und kann sich so die 30 € für den Besuch von dessen Dach sparen.
Die Moderne endet in diesem Museum gegen 1990. Aber einige mir bekannte Positionen haben mich erfreut. Die üblichen Franzosen, David Borian, Enrico Baij, Lucio Fontana, Marino Marini und einige andere habe ich mir notiert. Nach so einem Parcours kann ich es nicht erwarten, wieder im eigenen Atelier zu stehen, weil einige Inspirationen nach Umsetzung verlangen. Das sind oft einzelne Farbklänge eines Bildes, eine mutige Installation, Materialien, die ich mir dann merke.
Als ich im Quartier mein aufbewahrtes Gepäck abholte, musste ich erstaunt feststellen, dass es mit dem anderer Gäste komplett unbewacht hinter allseits offenen Türen lag. Ich setzte meinen Rucksack auf und niemand nahm Notiz, oder alles wurde mit Video aufgezeichnet, was bei Verlusten auch nur wenig geholfen hätte.
Ich kann Städte wie Florenz oder Milano nicht wirklich genießen, wenn ich weiß, dass ich nicht wenigstens eine Woche habe. Ich bin überwältigt von der Fülle an Formen und Eindrücken, habe keine Lust, gezielt nach etwas zu suchen, habe nicht die Muße zum Schlendern und hätte sie wohl auch bei mehr Zeit nicht wirklich. Da sehe ich nicht unter Druck, möglichst viel zu genießen, die wenigen Stunden optimal zu nutzen, und habe zum Schluss dann keinen Genuss. Als stünde man vor einem üppigen Buffet, kann sich für nichts entscheiden, und bliebt dann hungrig.
Also fuhr ich weiter, wollte noch 26 km mit dem Roller machen, damit die Etappe morgen nicht so lang wird, denn es geht jetzt kontinuierlich bergauf in Richtung Lago Maggiore.
Heute hatte ich fast durchgehend Radwege unter den Reifen. Offenbar hat man für diese die Route irgendwie nett machen wollen. Im Norden Milanos ging es entlang der U-Bahn auf frisch begrünten Flächen. Das Gelände war weiträumig mit hohen Häusern bebaut. Aber lieder führte die Strecke weder an Bistros, noch an den von mir erhofften Fahrradläsen vorbei. Aber lobenswerter Akt für Radfahren in Milano.
Pause machte ich daher in einem Imbiss einer U-Bahnstation. Was ich für Falafel hielt, entpuppte sich als Wiener Wurst im Teigmantel. Nicht ganz so meins. Aber drei lärmende Ticketkontrolleure hatten dort eine schöne Mittagspause.
Ein Eis gönnte ich mir in Roh. Da hatte ich nur noch 12 km vor mir.
Die Erlösung fanden meine Reifen erst in Parabiago. Der Laden heißt „Bike an Beer“ und ist bestens zu empfehlen. Sehr entspannt, schöne alte Rennräder, keine Friedhöfe mit Neuware. Gleich gegenüber vom Aldi, wo ich meine Nussvorräte auffüllte.
Jetzt sitze ich in einem recht angenehmen Hotel direkt an der Straße. Nun ja, Lärm bin ich gewohnt.

Aber auch in Rho wird gebaggert.
