Es macht sich doch ganz deutlich bemerkbar, wenn das Thermometer nicht mehr an der 25 kratzt. Da war selbst der böige Wind nicht so schlimm, der den ganzen Tag schräg von vorn kam.

Nach den obligatorischen Kanalkilometern folgte ein zehn Kilometer langer Aufstieg auf 570 m. Leider parallel zur Autobahn, dadurch aber auf einer wenig befahrenen Straße. Der führte mich auf ein Plateau, das nicht wirklich flach war. Vielmehr war der restliche Tag geprägt von kleinen Hügeln, die es schiebend zu bewältigen galt, und immer mal wieder rasanten Abfahrten. 50 km/h habe ich heute in der Spitze mit meinem Roller gemacht. Für 55 km war ich dann aber doch sieben Stunden unterwegs.

Ich habe heute überdurchschnittlich viel fotografiert. Es gab ein irres Licht mit leicht bewölktem Himmel und einem unglaublichen hellen Rostbraun, dass die frisch bestellten Felder hatten. Das waren zwei wunderbar warme und freundliche Farben, an denen ich mich kaum satt sehen konnte.

Ab und zu blickte ich von einem der Hügel in die Ferne, aber der Horizont brachte kaum Aufregendes.

Untergekommen bin ich – mit ein wenig Spannung, weil die entscheidende E-Mail mit der Bitte um eine verbindliche Zusage unbeantwortet blieb – in einem recht interessanten Quartier. Es ist eine Pension, die aus zwei alten Bauernhäusern besteht, mit alten Möbeln wild dekoriert, die aber so offenbar vor dem Leerstand oder dem Verfall gerettet wurden. Es gibt große Gemeinschafsräume mit Sofas und Tischen, eine großzügige Gemeinschaftsküche. Die hab ich aber nur zum Tee genutzt, denn am Abend gönnte ich mir eine Essen im Restaurant. Fünf Gänge waren ausgesprochen gut und preiswert. Dazu gab es einen tollen Rotwein. Mit diesem hatte es auch etwas besonderes auf sich: er hat kein Prädikat, ist aber ein Verschnitt aus Trauben, die von den Prädikatsweingütern nicht verarbeitet werden, weil diese eine Mengenbegrenzung anstreben. Also Topqualität im farblosen Packpapier.

Das Restaurant, 100 m talaufwärts mit einer tollen Terrasse und Blick in den Sonnenuntergang, hat eine weitere Besonderheit. Im Gastraum befindet sich eine private Bibliothek, die den Kindern des Ortes zur Verfügung steht. Es ist – wieder mit zahlreichen Sofas ausgestattet – eigentlich ein großer Raum zum Chillen. „Wir wollen, dass die Kinder bei schlechtem Wetter gemeinsam bei uns abhängen können.“ Woher allerdings die Kinder kommen sollen, hat sich mir nicht ganz erschlossen, denn das Dorf hat nur 22 Einwohner, wenn man dem deutschen Artikel bei Wikipedia glaubt.

Dennoch ist das Modell für mich faszinierend. Junge Menschen okkupieren ein Dorf, das eigentlich schon quantitativ keine Chance hat. Mit einfachen Mitteln betreiben sie eine Art modulares Hotel, mit viel Freiheit (es gibt z.B. keine Zimmerschlüssel und auch die Haustüren stehen überall offen). Alles wirkt ein wenig wie ein großes Upcyclingprojekt. Die Atmosphäre ist mehr als entspannt, Improvisation statt anonymem Perfektionismus, ohne dass das zur Schlamperei mutiert. Es gibt ein kleines feines Restaurant mit Potenzial zum Geheimtipp.

Eigentlich könnte das ein Modell sein für die Revitalisierung von Dörfern: schlaue Nutzung vorhandener Strukturen statt Aufpropfen von erdachten Zuständen.

Das Problem Leerstand auf dem Lande, verfall vorhandener Substanz, habe ich inzwischen überall in Europa gesehen: von der Schweiz bis Sachsen-Anhalt.

Seume sagt kaum noch etwas zur Strecke von Dijon nach Paris, denn er fuhr hier komplett mit der Kutsche und hatte wohl gute Gesellschaft. Ich will, wenn das Wetter so bleibt, mit dem Roller fahren, und stelle so wieder einen Ausgleich her, für zwei Etappen, die ich in Italien fuhr, und die Seume lief. Siehe die entsprechenden Blogbeiträge zu Montefiascone, Florenz und Siena.

Heute gab es noch eine wunderbare Nachricht für meinen Verleger und mich: mein Buch SEUMES WEG hat es auf die Shortlist eines Preises der Stiftung Buchkunst geschafft. Am 8. Oktober entscheidet sich auf der Frankfurter Buchmesse, welches von den 5 so gewürdigten Büchern einen Preis erhält. Bedenkt man, welch ungeheure Zahl an Büchern in Deutschland jährlich gedruckt wird, ist es schon eine Ehre, überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Mich freut das noch in besonderer Weise, weil ich ja auch das Design des Buches verantworte, monatelang am Layout getüftelt habe. Und ja, mein Dank gilt auch zahlreichen Freundinnen und Freunden, die auf dem Weg zum Ergebnis mit Kritik und Ideen geholfen haben.

Am Burgund-Kanal
Tag 28 Von Dijon nach Villeferry
10. September 2026, 55 km bis km 1.402
10 km heftig bergauf

Braun, Ocker und Blau den ganzen Tag.

Diese Kaufhallen auf dem platten Land sind für mich extrem wichtig: ich bekomme alles, was ich für eine Pause und die Verpflegung unterwegs brauche. Ich muss keine schweren Vorräte mit mir herumtragen, es ist günstig.