An gewöhnlichen Tagen schreibe ich die Beiträge für den Blog abends, wenn ich schon reichlich erschöpft bin. Heute ist mein Ruhetag in Auxerres, und ich habe gefühlt sehr viel Zeit, kann mich mal etwas treiben lassen.

Vor der gestrigen Etappe hatte ich offen gesagt ziemlich viel Respekt. Etwa 58 km waren zu fahren, und das mit einem Höhenprofil, das aussah wie eine Fieberkurve. Komoot liefert ja immer ganz interessante Statistiken. Am Abend musste ich feststellen, dass ich 1.200 Höhenmeter bergauf gelaufen bin, mehr als an dem Tag, an dem ich den St. Gotthard überquerte. Natürlich gab es zwischendurch immer entsprechende Abfahrten, denn auf der gesamten Strecke habe ich in Summe etwa 40 Höhenmeter verloren, wenn man Anfangspunkt und Ziel vergleicht. Aber das Erklimmen eines Plateaus nach acht Kilometern am Canal du Bourgonde, welches immer wieder von Einschnitten und Tälern unterbrochen wurde, zum Schluss die Abfahrt nach Auxerre, waren dann doch ein ständiges Auf und Ab. Dadurch bin ich schlussendlich auch 15 km gelaufen, also schiebend bergauf.

Um kurz nach Acht war ich schon auf der Strecke. Jetzt, wo die Tage kürzer werden, hat man um diese Zeit noch ein schönes Morgenlicht bei frischen 10°C.

Nach den unvermeidlichen Kilometern am Kanal, die mich leider auch auf den restlichen Etappen nach Paris nerven werden, bog ich ab in ein schönes Dorf: Pacy-sur-Armacon. Da war es recht still und die Sonne stand noch so tief, dass die Kabel der Telefonleitungen, die hier oft oberirdisch verlegt sind, interessant in der Sonne glänzten. Der Amarcon ist ein weiterer wunderbar frei fließender Fluss.

An einem der höchsten Punkte der Strecke ein einsames Gehöft mit riesiger Scheune inmitten staubtrockener Felder. Da entdeckte ich im Hof eine aufwändig gestaltete große Gedenktafel an der Wand der Scheune. Ich ging näher und sah, sie erinnert an vier Männer, darunter einen schon betagten Bürgermeister, die hier 1944 von den Deutschen erschossen wurden. Leider blieb mir keine Möglichkeit, Näheres zu erfahren. Hat man sie zynischerweise hierhergebracht, an den Ort mit dem umwerfenden Panoramablick? War hier ein Gefängnis? Wurden sie hier in ihrem Versteck aufgespürt?

In Yrouerre fiel mit mitten im Dorf gleich neben der Kirche ein imposantes Gebäude auf, eine Orangerie. Sie gehört zu einem nicht mehr existierenden Schloss aus dem 17. Jahrhundert. Erstaunlich für ein Dorf mit jetzt 150 Einwohnern.

Bei einer Frau, die vor ihrem Haus gerade Wäsche aufhing, ließ ich mir meine Falsche mit Leitungswasser auffüllen. Erst wollte sie mir eine Plastikflasche aus dem Kühlschrank anbieten. Aber auf den Dörfern ist das Leistungswasser nicht so heftig gechlort wie in den Städten.

Bald führte mich Komoot weg von den schön asphaltierten Straßen und Feldwegen zu einer ziemlich schlimmen Schotterpiste, hinab in eine Schlucht mit einem Bach. Der nächsten Anstieg wurde mir angezeigt, da musste ich ohnehin schieben, also habe ich den Rucksack in den Lenker gehangen. Der Weg wurde immer steiler, er bestand wirklich nur aus vom Wasser aufgeschütteten Steinen, unmöglich, hier mit dem Fahrrad zu fahren, selbst mit einem Mountainbike wäre das kritisch. Ich musste mich mit aller Kraft in den Lenker stemmen, als gälte es, eine bucklige Hauswand senkrecht zu überwinden. Die Räder des Roller blockierten einfach. Zuweilen dachte ich, es sei vielleicht einfacher, den Rucksack wieder aufzusetzen. Aber zum Glück wurde die Steigung etwas flacher und ich fand mich inmitten von Weinfeldern wieder. Gierig hielt ich Ausschau, ob nicht irgendwo noch Trauben hängen. Aber ich war einfach zu spät. An einer einzigen Rebe fand ich tief hängende, schon zur Hälfte verdorrte Trauben.

Wieder hatte ich einen kleine Gipfel geschafft und nahm an Rande eines kleinen Wäldchens im Schatten Platz, holt Brot, Käse, ein Ei und meine letzte Orange aus dem Rucksack und musste feststellen: die Wasserflasche ist weg. Klar, sie musste auf der schlimmen Schotterstrecke aus der Halterung gefallen sein, gegen die der im Lenker hängende Rucksack wohl geschlagen hatte. Aber einen ganzen Kilomter zurück? Die ganze Plackerei wieder von Neuem? Und hatte ich sie vielleicht viel eher verloren? Das gute Stück hat bei REWE nur 4,50 € gekostet … sicher bekomme ich in Auxerre eine neue, oder ich nehme einfach gewöhnliche Wasserflaschen aus Kunststoff. Aber in denen kann ich natürlich keinen Tee aufgießen. Und Thermosflaschen sind das auch nicht. Und die Trinkflasche hatte inzwischen so eine schöne Patina bekommen: Beulen, Kratzer, Spuren der Flaschenhalterung des Rollers … Und wo bekomme ich als nächstes überhaupt Wasser entlang der verbleibenden Strecke? Dennoch, bei inzwischen 28°C nochmal zurück?

Da kam ein Pärchen den Weg hochgelaufen, den fünfmonatigen Sohn im Tragegestell. Wir begrüßten uns auf Französischen, dann wechselten wir zu Englisch, um schließlich festzustellen, dass wir alle aus Deutschland kommen. Tja, und die beiden hatten meine Flasche entdeckt, gut sichtbar neben den Weg gestellt, keine 400 m von meinem Rastplatz. Da fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich ließ meine Habe in der Waldeseinsamkeit liegen und fuhr das Stück zurück.

Die nächste schöne Rast hatte ich in Chablis. Das ist eine erstaunlich schicke, touristisch aufgerüstete Stadt, die komplett dem Wein gewidmet ist. Da gibt es Läden, die Öffnungszeiten 24/7 versprechen, damit man möglichst viele Kisten Wein rausschleppt. Werbeagenturen mit Spezialisierung auf Etiketten und Restaurants, Händler mit Speziallandmaschinen für den Weinbau, und ein Lokal neben dem anderen.

Ich nahm vor einem kleinen Restaurant am ausgetrockneten Fluss Platz, erwischte einen schattigen Tisch, bestellte ein große Karaffe Wasser, ein Kännchen schwarzen Tee und eine Platte mit sechs verschiedenen Sorten regionalen Käses, Brot. Ich war glücklich, beobachtete die Leute, darunter amerikanische oder britische Touristinnen, eine große Gruppe junger Menschen mit E-bikes, die irgendeine Exkursion machten, in der es um Marketing ging, so viel verstand ich gerade noch.

Nur noch 20 km lagen vor mir, aber die hatten es in sich. Wieder ging es ewig bergauf. Aber hier war die Straße dreispurig, so dass ich gefahrlos überholt werden konnte. Übrigens machen Lkw und Pkw immer höflich große Bogen, wenn sie mich überholen. Riskant sind die Leute in breiten Wohnmobilen, die wohl meinen, sie säßen in ihrem Polo.

Schließlich nochmals eine Abfahrt in das Tal der Yonne, wo mich schon von weitem Auxerre grüßte. Der Weg zu meinem Quartier führte mich durch die Altstadt, der ich heute noch mal einen Besuch abstatten werde, in ein beeindruckendes Villenviertel.

Auxerre hat ca. 35.000 Einwohner. Während Seume noch meinte, hier sei viel mehr los als in Dijon, hat sich das wohl auch quantitativ verkehrt. Auxerre ist von Sanierungseifer verschont geblieben, Touristen entdeckt man kaum, dafür aber viel mehr alte Fachwerkhäuser als in Dijon, welches sich ausgerechnet damit rühmt.

Dorfstraße von Pays-du
Tag 30 Von Chassignelles nach Auxerre
12. September 2026, 58 km bis km 1.515
Das Gehöft mit der Scheune auf dem Hügel

Rast

Abfahrt nach Auxerre