Kaum geschlafen hatte ich in der sarggroßen Schlafkabine des nagelneuen Liegenwagens der ÖBB. Mein Roller stand drei Waggons weiter in einem Bereich, der für größere Gepäckstücke vorgesehen ist. Ratlosigkeit auch bei anderen Passagieren mit sperrigeren Stücken, denn die am Liegeplatz befindlichen Schließfächer reichten bestenfalls für Handgepäck im Flugliniendeutsch. Meinen Rucksack konnte ich gerade so reinquetschen. Die Waschbecken sind winzig, und man setzt stets den Boden unter Wasser, wenn man sich z.B. das Gesicht waschen will. Mehr ist im Liegewagen nicht vorgesehen.

Aber ich war positiv gestimmt, stieg mit bescheidenen 20 Minuten Verspätung in Tiburtina aus und schob meinen Roller erst mal ein gutes Stück bergauf durch die Stadt.

Seume hat sich erst auf seinem Rückweg etwas länger in Rom aufgehalten, und alle damals wichtigen Sehenswürdigkeiten aufgesucht. Danit wollte ich weder mich noch die geneigten Leser langweilen. Es war bereits 11 und die Sonne glühte. Immerhin, in der Stadt konnte ich mir die schattigen Straßenseiten aussuchen. Bald jedoch fuhr ich gefühlte 5 km neben der Leitplanke einer vierspurigen Ausfallstraße, auf der ich, wie ich später erfuhr, eigentlich nicht hätte fahren dürfen oder sollen, Verbotsschilder oder solche, die eine Autobahn markieren, gab es aber auch nicht.

Nach gut einer Stunde machte ich Rast an einer kleinen Bar und tankte erst mal einen Liter eiskaltes Wasser, Hunger hatte ich absolut keinen. An einem nahegelegenen Trinkbrunnen wusch ich Gesicht, Hände, Hals und übergoss mich mit reichlich kaltem Wasser.

Unter einer Autobahnbrücke überquerte ich den Tiber und rollte bald durch fast schon pastorale Vororte. Zunächst mal auf ebenem Gelände. Doch dann wurde es hüglig. Auf solchen Abschnitten kann man treten wie man will, spätestens nach 2 Metern rollt der Roller nicht mehr. Aber von Hügeln fährt man ja auch irgendwann wieder runter, und dann macht man ordentlich Strecke und der Fahrtwind kühlt. In Formello, etwa auf halber Strecke wieder Wasser getankt am Supermarkt. Ich hatte 31 km geschafft, davon die Hälfte bergauf, und war ziemlich erschöpft. Ich aß eine Banane und das letzte Brot, das ich tags zuvor noch in Berlin geschmiert hatte. Eigentlich hatte ich überhaupt keinen Appetit und auch keinen Hunger. Aber ich wusste: ich muss essen, sonst ist es komplett vorbei mit der Energie. Und um meine Energie stand es am Nachmittag gegen drei nicht mehr wirklich gut.

Direkt neben dem Supermarkt war eine Bushaltestelle. Daran ein Warnschild, dass keine Fahrräder und keine Elektroroller mitgenommen werden. Na gut, dachte ich, elektrisch bin ich ja nicht. Aber wo bekommt man Tickets? Ich fragte im Supermarkt, in Bars, nirgends eine Idee. Schweren Herzens fuhr ich weiter bis am Dorfrand der nächste Anstieg kam. Ich drehte um und machte einen weiteren Versuch in der Nähe der anderen Bushaltestelle im Dorf. Die Zeit wurde knapp bis zur Abfahrt. Eine junge Mitarbeiterin im Supermarkt, von der ich mir eigentlich ein Ticket erhoffte, meinte, ich könne auch im Bus bezahlen. Da hatte ich vor vier Jahren leider gegenteilige Erfahrungen gemacht.

Also klappe ich meinen Roller zusammen und stieg ein. Immerhin – der Fahrer hat nicht protestiert, und als ich bezahlen wollte, scheiterte er an der eigenen App. Katenzahlung ging nicht, bar hatte ich nur große Scheine, also ließ er mich einfach kostenlos mitfahren. Es waren ohnehin nur etwa 10 km. Allein der klimatisierte Bus tat mir gut.

In Campagnano di Roma hätte ich umsteigen müssen. Aber der Anschlussbus kam erst in einer knappen Stunde. Erst mal im Schatten auf eine Bank. Wieder versuchte ich die App von Cotral, dem Busbetreiber, zum Verkauf eines Tickets zu bewegen. Keine Chance. Wieder Umfragen in umliegenden Bars und Läden. In einer der Bars eine ratlose junge Dame am Tresen. Immerhin konnte sie Geld wechseln. Ich fragte nach etwas zu Essen, sie bedauerte. Aber neben mir stand ein stämmiger Kerl mit einer riesigen Packung Pizza und gab mir einfach etwas ab. An den Tischen auf der Straße vor der Bar wollten die Leute unbedingt was zu meinem Roller wissen. Also fuhr ich eine kleine Runde. „Sowas haben wir noch nie gesehen!“ Großes Hallo. Ja, vermutlich habt ihr in all den Hügeln auch noch nie ein Fahrrad gesehen, dachte ich mir. Beim nächsten Mal habe ich mir überlegt, gibt’s Vorführungen nur gegen ein Freigetränk.

Schließlich kam der Bus. Aber diesmal machte der Fahrer gar nicht erst die hintere Tür auf und winkte mich gleich weg. Ich klappe verzweifelt und hektisch meinen Roller zusammen, ein über und über tätowierter junger Mann übersetzte meine englisch gerufenen Einwände und Bitten tapfer, der Bus fuhr ohne mich ab. Macht nichts, sagte der junge Mann, in einer Stunde kommt noch einer. Er wolle mich auch gleich zu einem Kiosk führen, wo ich Tickets kaufen könne. Der jedoch hatte zu. „Vielleicht ist der nächste Fahrer netter“, meinte er.

Ja, aber mit rannte die Zeit davon. Routenplaner angeschmissen: noch 15 km bis Monterosi. Selbst wenn ich gehe, wäre das in drei Stunden zu schaffen. Für den Check-in hatte ich angegeben zwischen 18 und 20 Uhr. Noch zwei Stunden. Also fuhr ich zähneknirschend los. Zunächst auf einem Feldweg bergab. Dann jedoch insgesamt noch 180 Höhenmeter Aufstieg.

Monterosi kannte ich noch von meiner Wanderung vor vier Jahren. Von hier nahm ich damals Bus und Bahn nach Rom (Seume bevorzugte die Kutsche). Tatsächlich kam mir der Ortseingang wieder in Erinnerung. Eine letzte steile Straße bergauf, dann stand ich im grün bewachsenen Hof meines sehr schönen Quartiers. 65 € und am nächsten Tag ein wirklich gutes Frühstück mit heißem Wasser für Tee.

Und ich bekam einen Tipp für ein Abendessen zu später Stunde. Spät war es wirklich, denn nach dem Duschen musste ich mich erst mal flachlegen und wäre beinahe eingeschlafen. Aber selbst um 21.30 h bekam ich bei „Gorgeous“ noch ein tolles Gericht mit Fisch und Pfannengemüse. Der Fisch im Teigmantel, das Gemüse mit Zwiebeln und Rosinen – perfekt! Nur zu einem Wein konnte mich niemand mehr überreden. Ich musste dringend schlafen.

Von Monterosi habe ich wie auch bei meinem ersten Besuch vor vier Jahren nicht viel gesehen.


Der Bahnhof Rom Tiburtino - Seume wäre hier gewiss ebefalls angekommen

Tag 1 Von Rom nach Monterosi – Hitze und Busse

14. August 2026, 58 km bis km 58
Vertrocknete Brache an der Straße ca. 15 km von Rom