Die meisten Städte hier in der Region liegen auf Hügeln, einige sogar auf alten Vulkankegeln. Das hat den Vorteil, dass mein Tag mit einer kleinen Beschleunigung bergab beginnt. Von Monterosi fuhr ich halbwegs erholt über einen welligen, aber insgesamt flachen Feldweg. Der war staubig und voller loser Steinchen. Das schüttelt und schlottert, wenn ich mit dem Roller ein Stück bergab rolle. Und jeder Stein bremst, wenn man auf der Ebene beschleunigen will. Mir kamen trotz der schon morgendlichen Hitze einige Jogger entgegen, Leute auf Mountainbikes, ab und zu ein Auto.

Dann eine asphaltierte Straße, auf der die ersten Sonntagsfahrer mit Motorrädern ihre Raserei begannen. Aber Asphalt ist mein bester Freund, auch wenn er neben den 35°C der Luft noch mindestens weitere 10°C an Backofenglut verpasst, wenn er sich komplett aufgeheizt hat. Es fährt sich einfach am besten, wenn es glatt ist.

Vor Sutri links neben der Straße eine Felsenwand mit zahlreichen etruskischen Grabnischen. Dann einer steiler Aufstieg in die Stadt. Wie immer alles wunderbar pittoresk. Ich will das Zentrum eigentlich nur durchqueren und dann weiter. Aber mit meinem Roller falle ich natürlich auf, und werde von einem neugierigen Paar angesprochen. Ich erkläre auf Englisch, und als ich Berlin erwähne wechselt mein Gegenüber auf akzentfreies Deutsch.

Die beiden nenne ich jetzt des Datenschutzes wegen mal Luigi und Hong. Hong wollte mal selbst ein Stück mit dem Roller fahren, aber dabei blieb es nicht. Die beiden luden mich zu einem gemeinsamen Frühstück ein. Für mich Wasser statt Kaffee, aber eben auch ein großes Stück Gebäck mit reichlich Sahne bestrichen. Das müsse ich essen, eine Spezialität.

Luigi lebt halb im Berlin Kreuzköln, halb in Venedig, Rom und beim Albaner See. Hong ist als Jugendliche aus China ausgebüchst und über Vietnam auf abenteuerliche Weise in Rom bei Nonnen gestrandet, die sie in ihre Obhut nahmen. Wie auch immer – ich konnte mit Hong ausführlich die Lage in China und Vietnam disputieren, auf englisch, ansonsten spricht sie fließend Italienisch. Meine zwanzig Worte Chinesisch hatte ich so gut wie komplett vergessen. Lugigi wiederum sprach deutsch mit mir und übersetzte für Hong alles ins Italienische. Luigi kennt Seumes "Spaziergang" und hatte nicht nur deswegen bei mir sofort hundert Punkte. Die beiden waren am Tag zuvor bei einem trüffelträchtigen großen Dorffest und so in Sutri gelandet.

Nach einer Stunde noch ein kleines Abschiedsfoto, dann rollte ich weiter. Erst aus der Stadt runter ins Tal, dann wieder heftig bergauf.

Auf Seumes Route lag auch Ronciglione, eigentlich ein recht unscheinbares Kaff, aber ich wollte seiner Route folgen. So erklomm ich denn unter sengender Sonne die 550 Höhenmeter und musste mich erst mal hinsetzen. Ich saß im Schatten einer Bushaltestelle und sah vor lauter Anstrengung gar nicht, dass 50 m weiter ein Bar ist. Da machte ich dann einfach nochmals Pause und zischen wieder einen Liter Wasser weg.

Von Ronciligione wollte ich ein Stück am Lago di Vico entlang und dann wieder abwärts zu einer Bahnstation, von der ich hätte ein Stück nach Viterbo fahren können. Als ich tapfer bergauf stapfte und ein Stück aus der Stadt raus war, hielt ein winziger Polo neben mir: Luigi und Hong.

Wo ich denn hin wolle? „Nach Viterbo“, antwortete ich. „Dann nehmen wir dich mit und zeigen dir die Stadt, aber vorher wollen wir noch im See schwimmen gehen.“ Das kam mir beides wie gerufen.

Also fuhren sie kurz in eine Seitenstraße und ich klappte meinen Roller zusammen, nahm das Vorderrad raus, und trotz des eigentlich schon vollen Kofferraums passte der samt Rucksack in den Polo. Hong (die Kleinste von uns) saß hinten, ich mit Luigi vorn. Schon nach wenigen Kilometern erreichten wir sowas wie eine Badestelle: über bestimmt zwei Kilometer zogen sich Buden und endlose Reihen mit Sonnenschirmen am Ufer entlang. Und ebenso endlos war die Reihe wild parkender Autos an beiden Seiten des Straßenrands. Trotzdem konnten wir uns irgendwo auf einem Seitenweg zwischen die Bäume quetschen.

Der See ist vulkanischen Ursprungs, hat kaum organischen Eintrag, der ganze Boden und der Strand sind dunkelgrau. So ist das Wasser unglaublich klar, ganz frei von Schwebestoffen, bei dem Wetter allerdings nicht wirklich frisch.

Mit Luigi schwamm ich ein ordentliches Stück und merkte erst dann, dass wir so ziemlich die einzigen im Wasser sind. „Die Italiener und auch die Chinesen baden nicht gern in See. Seen sind ihnen zu undurchschaubar, trügerisch, ganz anders als das Meer.“ Erklärte mir Luigi. Und tatsächlich lagen alle nur am Strand rum, mit reichlich Speisen und Getränken unter winzigen Sonnenschirmen, einige junge Damen auch ganz bewusst in der prallen Sonne.

Hong hatte für uns im Schatten unter einer Stieleiche ein Tuch ausbegreitet, und jetzt gab es saftige Melone, Schafskäse (frisch von Bauern) und dünnes Brot aus Pizzateig.

Wieder sprachen wir über Götter und Welten, und die vergehende Zeit machte mich unruhig. Ich wollte ja eigentlich noch nach Monteviascone weiter und dazu in Viterbo einen der mich hoffentlich mitnehmenden Busse erreichen. Und ein Quartier hatte ich in Monteviascone auch noch nicht. Irgendwie war da alles ausgebucht oder keiner ging ans Telefon. Also mahnte ich dann doch zum Aufbruch, zumal die wandernde Sonne unseren Schatten immer kleiner werden ließ. Da klärte mich Luigi auf: „Heute ist der größte italienische Feiertag, alle besuchen ihre Familien, alle machen Ausflüge, auch hier an diesen Strand. Aber wenn es knapp wird, können wir dich gern auch noch nach Monteviascone fahren.“ Ich war überglücklich.

Luigi ist eigentlich Landschaftsplaner, Experte für Salzlagunen, Retter alter Rebsorten, Juror in Slow-food-Wettbewerben, Literaturkenner, Fan von Chem Özdemir … die Interessengebiete, die sich bei uns überlappen nahmen irgendwie kein Ende..

Aber weil er seine Haimt liebt, machten wir einen Zwischenstopp an einer uralten päpstlichen Residenz, dem Städtchen San Martino Chimino.

Dann weiter nach Viterbo. Und die ganze Zeit wurde mir wahnsinnig viel gezeigt und erklärt, ohne dass irgendein lehrerhafter Zug störte, immer wieder schweiften wir dabei aber auch in europäische und globale Themen ab, Vergleiche mit Deutschland, mit China.

Luigi versuchte, Freunde in Monteviascone zu erreichen, die waren aber verreist und konnten vor Ort nicht mit einem Quartier helfen. Also telefonierte er sich durch und wurde trotz des Feiertags fündig in einem Hostel, wo wir für 20 € pro Nase übernachten konnten.

Denn die beiden entschieden sich auch für eine Nacht in Monteviascone. Bevor wir aber in die Betten fielen, fuhren wir zurück nach Viterbo, wo der Gourmet Luigi in seinem Lieblingsrestaurant einen Tisch reserviert hatte. Da wurde ein üppiges Mahl serviert, bei dem ich immer wieder um Einhalt bitten musste, denn vor dem Schlaf wollte ich mir nicht den Bauch vollschlagen.

Zum allerersten Mal, abgesehen von wilden Jugendherbergszeiten, habe ich in einem Hostel geschlafen. Das in Monteviascone ist ein alter Modeladen und man hat tasächlich den Eindruck, in einer Umkleidekabine zu schlafen, die Kojen nur mit dünnen Wänden getrennt, Vorhänge da, wo ansonsten Türen wären. Aber alles sauber und korrekt und ein sehr netter Herbergsvater.

Ich bin heute ca. 15 km den Roller schiebend und Städte betrachten gelaufen, nochmal 15 km mit dem Roller gerollt, und die restliche Strecke konnte ich im Auto reisen und tat es daher eigentlich wie Seume. Er schreibt in Florenz:

„Von Rom hierher ging ich halb im Wagen, halb zu Fuße; im Wagen so weit ich mußte, zu Fuße so weit ich konnte. Man hatte während meines Aufenthalts in Rom auf der Straße von Florenz Kouriere geplündert, Soldaten erschossen und große Summen geraubt. Es wäre Tollkühnheit gewesen, allein zu wallfahrten, wenn man nicht geradezu ein Bettler war, und sich durch das cantabit vacuus sichern konnte. Ich fuhr also mit einer Gesellschaft nach Florenz. Von Ronciglione nach Viterbo gehts am See hinauf über den Ciminus.“

Etruskische Grabnische neben der Landstraße kurz vor Suti
Tag 2 von Monterosi nach Monteviascone -China, Berlin und die Ökologie
15. August 2026, 65 km bis km 107
Strandleben am Lago di Vinci