Morgens sah ich Luigi und Hong noch halb im Schlaf zum Abschied auf mich zuwanken, ich wollte zügig losfahren. Aber die Karte prophezeite mir dünn besiedeltes Gelände, so dass ich dann doch noch gegenüber dem Römischen Tor in einem Café frühstückte. Leider gab es nur süßes Zeug und natürlich keinen richtigen Tee. Das ist zunehmend mein Problem: es gibt viel Teig, viel Süßes, viel Frittiertes aber keinen Tee.
Von Monteviascone zunächst flott bergab, dann begannen die ersten Steigungen. Aber immer auf Asphalt auf einem welligen Plateau. Es war nicht mehr so heiß wie am Tag zuvor, dafür allerdings sehr schwül.
Aber ich wusste: heute geht es ca. 500 m abwärts, verteilt auf meine 27 km. Ich passierte ab und zu ein Gehöft, eine Bauruine, halbfertige Solarparks. Tankstellen, die in Deutschland sowas wie Dorfkneipen sind, wurden hier ganz überwiegend automatisierte. Da sind die Italiener auf dem besten Weg zur Infrastruktur der Elektromobilität. Die Tankstellen laufen ohne anwesendes Personal mit Kartenzahlung, Snacks gibt es bestenfalls an Automaten.
Ich hatte Schatten und brauchte ihn auch. Zunächst waren noch einige kleine Steigungen zu nehmen. Als ein das langgezogenes Plateau hinter mir lag, rastete ich noch an einer kleinen kühlen und schattigen Betonmauer zwischen ein paar Häusern, die wohl nicht nur mir als Bank diente. Dann noch mal Nebenstraße, halb Feldweg, bis ich wieder auf die Landstraße traf, auf der ich schon morgens fuhr. An dieser Stelle: Komoot meint es gut, und will die Wegsuchenden da wo es geht auf parallel verlaufende Alternativen leiten. Aber dort trifft man dann oft auf Belag, der eher für Mountainbikes taugt.
Jetzt – endlich wieder Asphalt unter den Rädern – begann meine Schussfahrt bergab. Ich traute mich kaum auf das Display des Telefons am Lenker zu schauen, aber es war kaum Verkehr und ab und zu war die Strecke auch gerade und gut einsehbar, und bei diesen Einsichten sah ich dann, dass ich mit etwas mehr als 45 km/h fuhr, aber wirklich nur manchmal.
Dann setzte Haarnadelkurven ein. Keuchend kamen mir einige Kollegen auf schicken bunten Rennrädern entgegen. Ich hielt an, denn mir bot sich ein atemberaubender Blick auf Orevieto. Dort wollte ich zum Bahnhof.
Doch bevor die Strecke wieder etwas ebener wurde, am Fuße der gigantischen Erhebung, auf der Orevieto thront, kehrte ich noch in ein Bistro ein. Unter dem schattigen Vordach saß eine bunte Mischung aus Familien und Rennradfahrern. Hier bin ich richtig, dachte ich, und Mittagszeit ist auch! Ich bestellte ein Carpaccio und eine große Flasche Wasser. Unter einem Liter fange ich inzwischen nicht mehr zu trinken an, Wasser natürlich. Aber im Unterschied zu der fantastischen kulinarischen Erfahrung gestern, war das Esse eine Enttäuschung: vier winzige Tomaten, Kochschinken zu Durchschauen, dick bestrichen mit Mayonnaise über einem bräunlich berandeten Salatblatt. Die Mayonnaise habe ich gleich mal komplett weggekratzt. Ist mir zu riskant im Hinblick auf Darmprobleme bei der Hitze. Dann tapfer zu süßlichem Weißbrot das Verbleibende aufgegessen. Über mit quirlte eine großer Fan, es wehte ein kleines Lüftchen. Als ich aber aufstand, stellte ich fest, dass ich voll im Abluftstrom der Klimaanlage saß.
Dann die restlichen Kilometer zum Bahnhof mit reichlich Zeitreserve. Da gab es sogar einen Ticketschalter. Den jungen Mann dahinter fragte ich vorsichtshalber, ob ich meinen Roller kostenlos mitnehmen kann (siehe Busfahrer). Zusammengeklappt kein Problem, meinte er. Auch das Ticket, dass ich per E-Mail erhielt, obwohl ich mit der App von Trenitalia gebucht hatte, sei als pdf ok und müsse nicht ausgedruckt werden, wie im Kleingedruckten zu lesen war.
Schließlich saß ich entspannt im brutal runtergekühlte Regionalzug nach Florenz. Dann ins Hotel. Duschen. Stichwort Hotel: es ist günstig: aber kein WiFi, verstopftes Waschbecken, kein Platz für Fahrräder, auch nicht für Roller…na gut, Hauptsache ausruhen.
Aber warum Florenz? Eigentlich wollte ich mit Zwischenstopp nach Siena. Aber der Zwischenstopp liegt im Nirgendwo, es gibt keine Quartiere, die Strecke ist bergig, Regen droht. Der Weg mit der Bahn nach Siena führt über Florenz. Seume war in beiden Städten und ist fast die ganze Strecke mit Kutschen gefahren. Also gebe ich morgen Siena per Tagesausflug die Ehre und fahre von Florenz mit dem Zug hin und zurück.