Heute hatte es ein klein wenig abgekühlt. Auf der Fahrt nach Siena sah ich Gewitterblitze in der Ferne über den Hügeln, dunkle Wolken über einer erstaunlich grünen Landschaft, immer wieder unterbrochen von Industriehallen.

Der Bahnhof von Siena ist ein rationalistischer schöner Bau. Ich erreichte ihn mit einen Hybridzug von Hitachi. Bis kurz hinter Bologna fuhr er elektrisch und schaltete dann kaum merklich auf Dieselbetrieb um. Man hörte das nur am einsetzenden Lärm des Motors.

Direkt an den Bahnhof hat man eine dreiste Shopping-mal gesetzt, die man zwangsläufig durchqueren muss, wenn man die Kaskade aus Rolltreppen nehmen möchte, die hoch aufs Plateau führt, auf dem sich die Altstadt befindet. Ich lief, mich ab und zu unterstellend, durch den Regen bis ans Stadttor. Dort erreichte mich ganz überraschend ein Anruf des RBB Kultur. Man wolle mit mir nochmals ein Interview machen zu Seume und Italien, ich dürfe auch Werbung machen für mein Buch. Das war eine große Freude.

In Siena regnete es, die Touristenströme waren noch überschaubar, die Schirmverkäufer voller Elan.

In der Fußgängerzone (eigentlich ist die ganze Altstadt eine) fiel mir der Laden eines Fotografen auf, er fiel mir auf, weil an den Wänden kein Kitsch hing, stattdessen sorgfältig gerahmte Fotografie mit einem lokalen Bezug. Mit Stefano, dem Inhaber kam ich gleich ins Gespräch. Natürlich kannte er auch unseren Kollegen Marco Rigamonti, den ich in einigen Tagen in Piacenza treffen werde. Also gingen wenig später Grüße im Dreieck. Ich kaufte sein neues, zum Glück nicht so großes Buch, wir tauschten Adressen, und vielleicht stellt Stefano in den kommenden Jahren in Berlin bei mit aus. Es wird sich lohnen!

Auf dem Piazza del Campo war noch die ganze Einrichtung des Pferderennen installiert, das gestern hier stattfand. Die Pferde rasen zwischen Bretterwänden auch dem mit Sand aufgeschütteten Pflaster im Kreis. Mannschaften aus den verschiedenen Stadtviertel treten gegeneinander an – seit Jahrhunderten ein großes Spektakel, bei dem teure Logenplätze in den umliegenden Häusern vermietet werden. Die Balkons waren noch mit Tüchern dekoriert, hölzerne Tribünen mit blechernen Sitzschalen bildeten ein Zirkusrund, und man musste unter oberen Bänken den Kopf einziehen, wenn man in eines der umliegenden Ladengeschäfte gelangen wollte. Unter Tierschutzaspekten vielleicht ein fragwürdiges Unterfangen. Der Unterhaltungswert und das Fieber, welches das Ereignis in der Stadt auslöst, sind gewiss groß. Die alten Flaggen der Mannschaften wehten überall an den Häusern und Kirchen und schmückten auch den Altar des Domes.

Ich hatte den ganzen Tag Zeit und wollte mich gern in ein Café setzen und schreiben. Also l ich eine große Runden durch die Stadt in der Hoffnung etwas zu finden, was nicht ganz so heftig dem Touricommerz verfallen ist. Tatsächlich fand ich eines an der Bushaltestelle bei der Handelskammer um die Ecke. Das gefiel mir nicht nur, weil es schwarzen Tee für mich gab, sondern auch weil die drei Damen hinterm Tresen ein Herz für Besucher/innen aller Art hatten. Es gingen Menschen aller Hautfarben und Einkommensklassen ein und aus, blieben länger, oder legten die hier üblichen zwei Euro für einen Espresso wortlos auf den Tresen, um nach kurzer Zeit mit geschäftiger Miene wieder zu verschwinden. Es lief alter Italopop, dessen Texte ich zum Glück nicht verstehe.

Dann sieben Euro für den Dom. Der ist derart überwältigend, dass ich mich innen einfach nicht auf alles einlassen konnte. Allein, wenn man einmal allen dort vorkommenden steinernen Köpfen eine Minute in die Augenschauen wöllte, bräuchte man vermutlich Tage. Meine erste Reaktion: ich muss hier nochmal hin mit reichlich Zeit.

Mir gehen bei solcher Pracht auch einige ökonomische Gedanken durch den Kopf. Was müssen das für ungeheuer mutige Visionäre gewesen sein: mitten in der Stadt einen wirklich großen Grundriss abstecken. Einen Plan für ein Gebäude machen, von dem klar ist, dass man es nie in Vollendung sehen wird (Vielleicht ganz gut für die Architektenhaftung). Aber genau an die Baumeister muss dann eine große Zahl sehr vermögender Leute glauben, um aberwitzige Summen für unzählige Tonnen Marmor, Steinmetze und Maurer zu investieren. Und das ganz einzig für Marketing und Seelenheil, denn eine praktische Rendite gab es bestenfalls verteilt über Jahrhundert durch Opfergaben von Sündern und Pilgern und Ängstlichen, die auch um ihr Seelenheil fürchteten. Aber auch der fertige Bau verschlingt für seine Erhaltung wiederum Jahr für Jahr unglaubliche Summen.

Ich suche Vergleiche in der Gegenwart. Vielleicht Stuttgart21? Oder der BER? Das geistlose Disneyschloss in Berlin? Irgendein Trumptower? Alles lächerlich im Vergleich zu diesen Dimensionen, der Beharrlichkeit, Versiertheit und dem Mut der Leute vor 800 Jahren.

Vielleicht wird das erklärlich, wenn man vor dem Palast der ältesten Bank Europas steht: der Monte Die Paschi de Siena. 1472 gegründet wurden von hier aus mit Geld Päpste und Könige dirigiert. Bis die Bank an der eigenen Größe während der Finanzkrise 2008 mehr oder weniger kollabierte und vom Staat und der EZB gerettet werden musste. Heute ist sie an der Börse notiert und Italien hat seine investierten Gelder zurück.

Abends wieder in Florenz dann zahlreiche Telefonate und Arbeit am Blog.

Blick von der Altstadt auf ein Gewitter über der Toskana
Tag 4 Siena
17. August 2026, 9 km bis km 232
Hinten das berühmte Bankgebäude der Monte Dei Paschi




Die alte Auffahrt zur Stadt. Hinten der Turm des Domes