Gegen 4.00 h wachte ich auf, denn draußen donnerte ein Gewitter, und es waren definitiv nicht die vorbeifahrenden Züge. Ich schloss das Fenster, aber schlief nicht mehr wirklich ein.
Die Jugendherberge ist eine Würdigung wert. Das Gebäude, ein ehemaliges Mädchenpensionat mit wechselnden Nutzungen, wirkt wie eine Mischung aus aufgegebenem Krankenhaus und verlassener Schule. Immer mal hat jemand versucht, die alte Nutzung durch misslungene optische Akzente aufzubrechen. Verblichene Fotografien zur Geschichte, abgewetzte Stadtansichten, grün-graue Plastikböden, christliches Dekor, aber offensichtlich auch Resultate irgendwelcher Kinderkunstworkshops. Dabei bleibt alles ein wenig unentschlossen. Vereinzeltes Mobiliar aus den Siebzigern in den entsprechenden Farben, die aber nicht wirklich aufheitern, eigentlich nur das Scheitern einer bemühten Moderne zeigen. Die Wände grau, dunkelbraune Deckenpaneele in meinem Zimmer, lieblos eingebaute Trennwände in Duschen und WCs. Der Hammer aber ist der Speisesaal. Den musste ich fotografieren.
In einem allgemeinen Belehrungsblatt wird aufgefordert, während der Schulstunden leise zu sein. Tatsächlich werden hier im Gebäude auf einer Etage noch einige Grundschulklassen verarztet.
Vielleicht hätte das Haus mit seinem altschwesterlichen Charm ein wenig Harry Potter-Flair haben können.
Ich will nicht meckern bei 85 € die Nacht. Dafür muss man in Italien ins Hotel!
Morgens saß ich noch eine Weile im Zimmer und schrieb, während draußen ein feiner Landregen pieselte. Ich wollte nicht so zeitig los, denn in mein Hotel durfte ich erst um 15 h einchecken.
Heute früh habe ich noch mit Freude entdeckt, dass ich mit dem Zug auch bis zum heutigen Tagesziel fahren könnte. Noch vor einigen Monaten wurde mir die Bahnstrecke als unterbrochen angezeigt. Und mit dem Einchecken in die Herberge bekommt man für die Dauer des Aufenthaltes, am Abreisetag bis Mitternacht, ein kostenloses Ticket für den hiesigen Nahverkehr. So konnte ich gestern schon kostenlos S-Bahn fahren. Damit hätte ich in Zweifelsfall bis zu meinem Tagesziel, Airolo am Fuße des St. Gotthard mit bereits 1.160 Höhenmetern, fahren können. Morgen muss ich nochmals 1.000 drauflegen bis zum Pass.
Für den ganzen Tag war Regen angesagt. Da es nicht kalt ist, reicht mir meine Regenjacke. Dennoch kein Spaß, wenn nach einer Weile die Schuhe nass sind oder das Wasser zwischen Rucksack und Rücken sein Unwesen treibt. Das ist die Schwachstelle meines Gepäcks, denn die Regenhülle reicht nicht um den ganzen Sack herum.
Aber morgens in Bellinzona beim Aufbruch schien erst mal die Sonne aus den Wolken hervor. Im Interregio galt mein Ticket auch, und den Roller darf ich hier kostenlos mitnehmen.
Aber schon nach der ersten Station änderte sich das Wetter schlagartig. Es fing heftig an zu regnen, es wurde etwas dunkel, und an den Fenstern des Zugs rannen fingerdicke Rinnsale herab.
Seumes Beschreibung, dass sich von den Felsen des Tals zahlreiche Bäche herabstürzen, konnte ich bestätigen. Inzwischen ist das Tal jedoch voller Industrie und auch ganz gut besiedelt.
Bis Faido, gut eine Dreiviertelstunde zu fahren, änderte ich kaum etwas. Gleich weiterfahren bis Airolo? Oder den Versuch wagen?
Ich stieg aus. Und tatsächlich nieselte es nur noch ein wenig.
Nun ging es entlang der Passstraße mit mäßiger Steigung bergauf. Große Abschnitte konnte ich tatsächlich fahren. Wurde der Anstieg zu steil oder ging es durch Tunnel, habe ich geschoben.
Zum Glück war ich gerade in Rodi und hatte mir aus einem Garten einen Apfel gepflückt, als der Regen wieder heftiger wurde. Ich kehrte in einer Tankstelle ein, kaufte ein Wasser, eine Orange und (zur Erbauung) einen Riegel mit Nüssen.
Hinter der Tankstelle gab es eine Bank im Trockenen, wo ich abwartete, bis die Pfützen wieder eine ruhige Oberfläche hatten. Dann weiter.
Aber in Ambri der nächste heftige Guss. Dort konnte ich mich unter die Dächer des Bahnhofs retten. Eigentlich hatte ich auf ein Café oder Restaurant gehofft. Ich lag zeitlich gut im Plan und es war Mittag.
Aber auf der ganzen Strecke von gut 16 km gab es nichts. Ich aß Nüsse und einige Pflaumen, die ich ebenso am Wegesrand erntete. Die Pflaumen schmeckten hervorragend, am liebsten wäre ich umgekehrt für einen weiteren Schwung, dachte mir dann aber: die wachsen hier direkt an der Straße, ich sollte die Dosis gering halten.
Am Bahnhof harrte ich bestimmt eine Viertelstunde aus. Der Regen ließ nach einer Weile nach und es blieb ein leichter konstanter Landregen. Ich habe nur noch sechs Kilometer, Augen zu und durch.
Leider stand aber das Wasser auch auf der Straße beträchtlich, so dass mich die überholenden Autos immerzu mit aufgepeitschtem Sprühnebel traktierten.
Gleichwohl, es war eine bemerkenswerte Strecke. Die Landschaft hat mich unter dramatischen Regenwolken fasziniert. Zuweilen wurde die Schlucht recht eng, und man sah unten den Tessin schäumen und tosen.
Ab und zu traf ich auf Reste der alten Straße, die Napoleon kurz nach Seumes Reise bauen ließ für seine Artillerie. Suworow hat den Pass vor Seumes Reise auch ohne diese Straße mit 6.000 Mann überquert, dann jedoch eine bittere Niederlage gegen die napoleonischen Truppen einstecken müssen.
Seume hat wohl vorwiegend die Pfade der Säumer nutzen müssen, unten im Tal vielleicht auch ausgebaute Wege.
Jetzt ist nicht nur die napoleonische Straße verbaut und verschwunden, inzwischen wird auch eine zweite Röhre für die Autobahn gebohrt, die parallel verläuft und den St. Gotthard in einem Tunnel durchquert.
Und dann gibt es noch den St. Gotthard-Tunnel der Eisenbahn. Der ist für mich absolut faszinierend. Auch dessen Bedeutung wird bald ein wenig schwinden, wenn der Gotthard-Basistunnel mit dann ca. 50 km Länge fertig sein wird.
Die Eisenbahn hat die Gegend einerseits touristisch und ökonomisch erschlossen. Spätestens jedoch mit der Autobahn die Gastronomie entlang der Passstraße, die einst zahllose Reisende versorgte, in den Untergang getrieben. Bis zur Fertigstellung des Eisenbahntunnels im Jahre 1882 fuhren die Leute noch mit Postkutschen und Schlitten über den Pass. Das ging nur in mehreren Tagesetappen.
Der St. Gotthard Tunnel war damals mit 15 km der längste Tunnel der Welt. Für dessen Finanzierung wurde eine internationale Aktiengesellschaft gegründet, an der neben Schweizer Bankiers auch Italien und das Deutsche Reich beteiligt waren. Eine aberwitzige Summe musste für die zehnjährige Bauzeit aufgebracht werden. Neben 171 offiziellen Unglücksopfern während der Bauzeit (Sprengungen zur falschen Zeit, Gebirgsschläge, Unfälle mit Bahnen und Wagen) gab es zahllose weitere Opfer, die an Staublungen umkamen oder an giftigen Dämpfen der fortwährenden Sprengungen, oder die in elenden Arbeiterquartieren an Typhus und Ruhr und Hakenwürmern starben. Einige wurden auch von der Polizei erschossen bei einem Streik wegen der katastrophalen Zustände auf der Baustelle und in den Quartieren, die teilweise kein fließendes Wasser und keine ernstzunehmenden Sanitäranlagen hatte. Keiner weiß also wie groß die Kollateralschäden bei den ca. 5.000 Arbeitern waren. Wer krank wurde, wurde gefeuert, nach Haus geschickt und ersetzt.
Im Tunnel herrschten bis zu 40°C. Die Idee, mit Druckluftschläuchen für die Borhämmer für Frischluft zu sorgen oder mit der Abluft der druckluftbetriebenen Lokomotiven, erwies sich als zu naiv. Selbst als der Zugbetrieb aufgenommen wurde, mit etwa 30 Zügen pro Tag, gab es Probleme mit dem Qualm im Tunnel. Eine Dampflok wurde eigens stationär installiert, damit ein riesiges Gebläse angetrieben werden konnte. Erleichterung gab es erst in den zwanziger Jahren, als die Strecke elektrifiziert wurde.
Also, der St. Gotthard kommt gleich nach der chinesischen Mauer oder der Mondlandung. Weiß ich alles aus Wikipedia.
Was schreibt Seume zu dieser Etappe der Reise:
“Ich schlief am Ende des Sees in Magadino (das ist zwischen Locarno und Bellinzona, ich fuhr gestern mit dem Zug durch – ep), wo der obere Ticin hineinfällt, in einem leidlichen Hause, schon zwischen rauhen Bergen. Den andern Morgen trat ich den Gang an dem Flusse herauf über Belinzona an, der mich nach einigen Tagen über den Gotthardt herüber brachte. Zwei Tage ging ich am Flusse immer bergauf. Die Hitze war unten in der Schlucht ziemlich drückend bis nach Sankt Veit, wo man, ich glaube zum Fronleichnamsfeste, einen Jahrmarkt hielt, der mir besser gefiel als der Ostermarkt in Palermo, obgleich für mich weiter nichts da war als Kirschen. Den ersten Abend blieb ich in einem kleinen Orte, dessen Name mir entfallen ist. Der Ticin stürzte unter meinem Fenster durch die Felsen hinunter, gegenüber lag am Abhange ein Kloster, und hinter demselben erhob sich eine furchtbar hohe Alpe in schroffen Felsenmassen, deren Scheitel jetzt fast zu Johannis mit Schnee bedeckt war. Die Bewirtung war besser, als ich sie in diesen Klüften erwartet hätte; vorzüglich waren die Forellen aus dem Ticin köstlich. Die Leute schienen viel ursprüngliche Güte zu haben. Mein größter Genuß waren überall die Alpenquellen, vor denen ich selten vorbei ging ohne zu ruhen und zu trinken, wenn auch beides eben nicht nötig war, und in den Schluchten um mich her zu blicken, und vorwärts und rückwärts die Gegenstände festzuhalten. Jetzt schmolz eben der Schnee auf den Höhen der Berge, und oft hatte ich vier bis sechs Wasserfälle vor den Augen, die sich von den nackten Häuptern der Alpen in hundert Brechungen herabstürzten, und von denen der kleinste doch immer eine sehr starke Wassersäule gab. Der Ticin macht auf dieser Seite schönere Partien als die Reuß auf der deutschen; und nichts muß überraschender sein, als hier hinauf und dort hinunter zu steigen. Ayrolles war mein zweites Nachtlager. Hier sprach man im Hause deutsch, italienisch und französisch fast gleich fertig.“
Und oben angekommen schreibt er:
„Ayrolles ist der letzte italienische Ort, und diesseits des Berges in Sankt Ursel ist man wieder bei den Deutschen. Zwei Tage war ich beständig bergauf gegangen; Du kannst also denken, daß der Ort schon auf einer beträchtlichen Höhe steht. Rundumher sind Schneegebirge, und der Ticin bricht rauschend von den verschiedenen Abteilungen des Berges herab. Ich schlief unter einem Gewitter ein; ein majestätisches Schauspiel hier in den Schluchten der höchsten Alpen. Der Donner brach sich an den hohen Felsenschädeln, und rollte sodann furchtbar durch das Tal hinunter, durch das ich heraufgekommen war. Ein solches Echo hörst Du freilich nicht auf der Ebene von Lützen.“
Auch ich habe draußen gerade ein Gewitter. Und der Regen trommelt auf das Dachfenster meines bescheidenen Zimmers im Hotel. Von Schneegipfeln nicht nur wegen der Wolken weit und breit nichts zu sehen. Aber Seume war ja Ende Juni hier, jetzt ist Ende August.

In der Schlucht des Ticino Reste der alten Passstraße
