Heute war mein großer Tag, gleich mehrere Rekorde hatte ich zu verzeichnen: mit gut 62 km die bisher längste Etappe der Reise. Es ging zunächst ca. 1.070 m nach oben auf den Pass, dann ca. 1.750 m wieder nach unten ins Tal. Der Pass liegt auf 2.110 m. So hoch bin ich mit meinem Tretroller noch nie gekommen. Und auf einer solchen Höhe zu Lande war ich auch ohne Roller sehr lange nicht.

Morgens im Hotel galt mein erster Blick dem Wetter. Am strahlend blauem Himmel konnte ich einen schönen Vollmond über den Bergen stehen sehen.

Ich hatte meine knallrote Regenjacke wieder angezogen, wegen des zu erwartenden Windes, der morgendlichen Kälte, aber auch aus Sicherheitsgründen, um auf den Straßen gut gesehen zu werden.

Dan erfolgte der Aufstieg. Ich schob meinen Roller und hatte den Rucksack abseits der Fahrtrichtung in den Lenker eingehangen. So musste ich zwar einigermaßen stemmen, hatte aber den Rücken ohne Last. Das hat sich absolut bewährt und war nicht vergleichen mit der Schlepperei zu Fuß ohne Roller. Nur der Ständer meines Rollers war der neuen Aufgabe nicht gewachsen. Als ich den Roller für eine kurze Pause abstellte, verabschiedete sich der Ständer, brach einfach weg, so dass ich seine Reste dem Nationaleigentum der Schweiz überantworten musste.

Unterwegs staunte ich über die Masse an Insekten im Gegenlicht, bis ich begriff, dass der Wind Pflanzensamen durch die Luft wehte.

Unten im Tal hörte ich MG-Salven der Schweizerischen Armee, die noch immer einige Kasernen und Festungswerke am Pass hat. Schon tags zuvor sah ich eine große Zahl uniformierter junger Leute beim Bahnhof von einem LKW springen.

Im Lauf des Tages sah ich immer wieder Plakate: „Für den Frieden! Für die Wahrung der Schweizer Neutralität.“ Ja, und für die Wahrung Eurer dicken Geschäfte mit Putins Oligarchen, fiesen Scheichs aus dem Orient usw.

Ich stiefelte mit 5 km/h los und war frohen Mutes. Immer wieder der übliche Blick aufs Telefon. Noch 360 m … aber das war nicht die zu gehende Strecke, das waren die verbliebenen Höhenmeter auf den letzten fünf Kilometern. Ebenda begegnete mir ein Verrückter in Geist und Handeln: ein Herr aus Dresden, 78 Jahre alt, fuhr mit seinem Liegerad und zwei Akkus vom Pass herunter. Er wolle noch nach Como, mache bis zu 200 km am Tag und sei schon alle großen Europäischen Flüsse abgefahren. Ich hoffe, er meldet sich für einen weiteren Gedankenaustausch. „Du bist erst 65?“ fragte er. „Dann hast du ja noch richtig viel Zeit für verrückte Reisen!“ Stimmt.

Je höher ich kam, desto interessanter die Kurven. Und die im Tal asphaltierte Straße mündete in ihren historischen Teil, der in den vierziger Jahren angelegt wurde, und solide mit Granit gepflastert ist. Der Abschnitt wird die Tremola genannt und zieht sich an der anderen Seite des Passes auch noch ein gutes Stück ins Tal. Man könnte ihn aber auch Tremor nennen, denn es schüttelt und schuckert die ganze Zeit.

Immer wieder sieht man unterwegs auch Reste der ganz alten Passstraße aus dem 19. Jahrhundert mit Brücken, die zum Teil noch älter sind.

Kurz nach 11 war ich oben auf dem Pass. Seume schilderte ihn so:

Wir stiegen also den kommenden Morgen, den achtzehnten Juni, rüstig den Gotthardt hinauf. Es war nach dem Gewitter sehr schlechtes Wetter, kalt und windig, und in den obern Schluchten konnte man vor dem Nebel, und noch weiter hinauf vor dem Schneegestöber, durchaus nichts sehen; links und rechts blickten die beschneiten Gipfel aus der Dunkelheit des Sturms drohend herunter. Nach zwei starken Stunden hatten wir uns auf die obere Fläche hinaufgearbeitet, wo das Kloster und das Wirtshaus steht, und wo man im vorigen Kriege geschlagen hat. Das erste liegt jetzt noch wüst, und der Schnee ist von innen hoch an den Wänden aufgeschichtet; das Wirtshaus ist ziemlich wieder hergestellt, und man hat schon wieder leidliche Bequemlichkeit. Es muß eine herkulische Arbeit gewesen sein, hier nur kleine Artilleriestücke heraufzubringen, und war wohl nur in den wärmsten Sommermonaten möglich. Der Schnee liegt noch jetzt auf dem Wege sehr hoch, und ich fiel einigemal bis an die Brust durch.“

An dieser Stelle muss ich mal ein wenig kritische Zweifel anmelden. Am 14. Juni hat Seume Mailand verlassen. An einem Tag lief er dann die 60 km bis Sestra Calende. Dafür habe ich zwei Tage gebraucht. Mit Roller hätte ich es auch an einem geschafft – aber zu Fuß? Dann hat er nach eigenem Bekunden den See an einem Tag mit dem Boot überquert. Na gut, wenn er kräftige Ruderer hat oder günstigen Wind mag das gehen. Er nächtigte dann in Magadino. Das muss also am Abend des 15. Juni gewesen sein. Eine Nacht verbrachte er in einem Ort, dessen Namen er vergessen hatte, und eine in Airolo. Dann war er also am 17. abends in Airolo. Von Magadino nach Airolo sind es 73 km. Aber es sind auch 970 m Höhe zu erklimmen. Ich frage mich, was besser war: eine gut ausgebaute Straße von heute, die zur Vermeidung starker Steigungen die ein oder andere Schleife zieht? Oder die Wege von damals, die vielleicht steiler, vielleicht dadurch auch kürzer waren.

Aber in gut zwei Stunden hoch auf den Pass? Das ist heftig. Seume hate zwar einen Träger für seinen Tornister, der Träger hatte dann aber die doppelte Last. Und es lag Schnee.

Auch die verbleibende Strecke bis Flüelen hat es in sich mit steilen Abstiegen. Das sind nochmals drei Kilometer mehr als mein heutiges Pensum, als insgesamt 65.

Ich war mit Pausen gut neun Stunden unterwegs, bin aber runter ins Tal mit in der Spitze 44 km/h gerollt (ein weiterer Rekord für mich), hatte schlussendlich einen Durschnitt inklusive des Anstiegs zu Fuß von 11 km/h. Wenn Seume mit 5 km/h gelaufen bzw. geklettert ist, keine Pausen außer der auf dem Pass gemacht hat, muss er mehr als 13 Stunden unterwegs gewesen sein. Alles ziemlich heftig.

Oben auf dem Pass sieht es natürlich anders aus als bei Seumes Ankunft. Es ist ein Ort mit Halligalli, zahllosen parkenden Autos, die meisten breit und dick, vielen ebenfalls dicken Motorrädern, Kneipen, Hotel, Museum und Würstchenbude. An selbiger kaufte ich mir getrieben von Hunger eine Bratwurst, eine Mandelstange und ein alkoholfreies Bier für satte 19 €. Das Beste an der Bratwurst war der Senf.

Eine Weile sah ich zu, wie nach und nach die letzte Ecke des Plateaus gnadenlos zugeparkt wurde. Schon unterwegs fand ich es erstaunlich dreist, an welchen Ecken der Passstraße Wohnmobile so Rast gemacht hatten.

Es war kalt und windig, da half auch der Senf nicht, also bin ich weitergefahren, diesmal mit Rucksack auf dem Rücken, denn jetzt konnte es nur noch bergab gehen. Noch mal kurz die Bremsen gecheckt, die Schnellspanner an den Achsen, dann gings los. Aber zunächst nicht wirklich schnell, den vor mir lagen einige Kilometer Granitpflaster. Dann endlich Asphalt. Ich wollte dem Affen aber nicht ununterbrochen Zucker geben, denn ich wollte ja auch einige Bilder machen. Und nicht zuletzt, wollte ich kein Risiko eingehen, ließ mich also getrost von Fahrrädern überholen.

Wie Recht ich hatte mit meiner Vorsicht, sah ich ca. 5 km unterhalb des Gipfels. Es bildete sich ein Stau, an dem ich mich cool vorbeischlängeln konnte. Dann saht ich Blaulicht und den Rettungshubschrauber stehen. Ich fuhr an allem vorbei, wollte kein Gaffer sein, bekam aber ein an die Leitplanke gelehntes Rennrad mit und eine am Boden in Folie eingewickelte jammernde Person, ein abgebrochener Rückspiegel lag auf der Straße…

Nun wusste ich, dass ich so schnell von niemandem mehr überholt werde, denn hinter mir war der Stau, und auf der Gegenspur stand alles, da waren auch keine kritischen Überholmanöver zu erwarten.

Die Strecke ist wirklich landschaftlich hinreißend und viel zu schade für gelegentliche Blicke aus dem Autofenster.

In den Dörfern durch die ich kam, sprudelten herrlichen Brunnen mit eisekaltem Quellwasser. Da habe ich immer ordentlich getankt. In Göschen passierte ich das nördliche Mundloch des Gotthard-Tunnels. Von da sah ich auch noch ein wenig Schnee an einem Beghang in der Ferne.

Dann kam ich an die von Seume überquerte Teufelsbrücke. Die steht tatsächlich noch unter einer neuen aus dem 19. Jahrhundert, und man kann über die alte mit dem Fahrrad drüberfahren. Das war für mich ein bewegender Moment.

Talabwärts gibt es einige Abschnitte, die sehr gute Radwege haben. Aber es gibt auch immer wieder den Zwang, mit den Autos Straße und Tunnel zu teilen. In den Tunnels oder neben diesen gibt es jedoch zuweilen auch Fußwege. Auf einem solchen kam mir ein junges Paar aus Manchester mit Rädern entgegen. Sie seien auf Weltreise und wöllte noch mindestens bis China. Da sag ich mal: alles Gute!

Wenn man vom Gotthard bergab rollt, denkt man immer: jetzt müssten die Berge doch mal aufhören! Doch immer wieder verstellten neue Gipfel den Horizont.

Erst kurz vor meinem Tagesziel wird die Landschaft flach. Jetzt merke ich aber auch den Wind stärker, der mir schon den ganzen Tag ins Gesicht bläst, und gewiss einen neuen Geschwindigkeitsrekord verhindert hat. Ich trödle also ein wenig, bevor ich mich in Altdorf ins Hotel „Schwarzer Adler“ einquartiere, so wie Goethe übrigens von reichlich 200 Jahren auch.

Hier habe ich ein Einbettzimmer mit eigenem (!) Waschbecken unterm Dach für 125 € die Nacht inkl. Frühstück. Es gibt eine Gemeinschaftsdusche und ein Gemeinschafts-WC eine Treppe tiefer. Die Gemeinschaftsdusche war in meiner Phantasie ein spannender Ort. Tatsächlich ist sie jedoch eine winzige geflieste Kammer für eigentlich nur EINE Person. Analog das WC. Da muss ich mal sagen: 150 % des Jugendherbergspreises mit weniger Komfort.

Jetzt höre ich auf mit Tippen. Draußen rumort die Dorfstraße. Die Bumsmusikkappelle mit dem schrecklich schrillen Sänger, der den rumpelnden Bass souverän überkreischte, hat aufgehört. Jetzt wird noch ein wenig gekichert, gelabert und gelacht. Der Jugend die Freiheit! Wenigstens Samstagabend.

Vollmond über Airolo
Tag 16 Von Airolo über den St. Gotthardpass nach Altdorf
29. August 2026, 62 km bis km 882
Brücke aus dem 19. Jahrhundert neben der Tremola. Was aussieht wie ein Turm rechts, ist eine befestigte Kehre.

Vom Pass nach unten. Links klein und rot an der Straße der Rettungshubschrauber.

Die alte (unten) und die neue Teufelsbrücke. Ihr Bau ermöglichte eine erhebliche Abkürzung durch die Schlucht.