Immer noch bin ich im Bann der gestrigen Überquerung des St. Gotthard. Es war einfach auch eine tolle Atmosphäre am Pass. Die alte Straße nehmen abgesehen von Sonntagsfahrern mit alten und neuen Sportwagen, den Harleyopas und ihren Enkeln auf schnittigen Suzukis, wirkliche Enthusiasten. Mal mit Ebikes, na gut, oft aber auf Rennrädern und Gravelbikes, oder zu Fuß. Man grüßt sich wohlwollend, wünscht alles Gute, fragt nach dem Tagesziel. Alles mit größtem Respekt. Das erinnerte mich ein wenig an die Stimmung beim Berlinmarathon, den ich vor 18 Jahren mal lief. Es war ein wirklich schöner Tag.
Nach dem harten Tag gestern heute Entspannung pur. Drei Kilometer waren es bis zum Bootsanleger in Flüelen. Von dort ging mein Boot nach Luzern. Von da ein anderes weiter nach Küssnacht. Das sind zusammen ca. 43 km, wobei die Boote wieder einen Zickzackkurs über den Vierwaldstädter See machten, weil es lauter kleine Städtchen am Ufer ansteuert, und dadurch eine größere Strecke zurücklegt.
Aber im Seumeschen Sinne zähle ich jetzt mal nur die Kilometer, die Seume mit dem Boot zurückgelegt hat. Er schreibt:
„Den andern Morgen nahm ich ein Boot herüber nach Luzern, ohne weiter den Ort besehen zu haben, wo Tell den Apfel abgeschossen hatte. Nicht weit von der Abfahrt stürzt rechts ein Wasserfall von sehr hohen Felsen herab, nicht weit von Tells Kapelle, und man erzählte mir, daß oben in den Alpen ein beträchtlicher See von dem Wasser der noch höhern Berge wäre, der hier herabflösse. Schade, daß man nicht Zeit hat, hinaufzuklettern; die Partie sieht von unten aus schon sehr romantisch, und oben muß man eine der herrlichsten Aussichten nach der Reuß und dem Waldstädtersee haben. Die Fahrt ist bekannt, und Du findest sie in den meisten Schweizerreisen. In dem seligen Republikchen Gersau frühstückten wir, und die Herren beklagten sich bitter, daß ihnen die Franzosen ihre geliebte Autonomie genommen hatten. Die ganze Fahrt auf dem Wasser herab bis nach Luzern ist eine der schönsten; links und rechts liegen die kleinen Kantone, und höher die Schneealpen, in welche man zuweilen weit weit hineinsieht. Der Pilatusberg vor Luzern ist nur ein Zwerg, der den Vorhof der Riesen bewacht. In Luzern fand ich im Wirtshause unter der guten Gesellschaft einige Freunde von Johannes Müller, die mit vieler Wärme von ihm sprachen. Nachdem ich die Brücken und den Fluß beschaut hatte, ging ich zum General Pfeiffer, um seine wächserne Schweiz zu sehen. Die Sache ist bekannt genug, aber kein so unnützes Spielwerk, wie wohl einige glauben. Der Mann hat mit Liebe viel schöne Jahre seines Lebens daran gearbeitet, und mit einer Genauigkeit, wie vielleicht nur wenig militärische Karten gemacht werden. Die Franzosen haben das auch gefühlt, und Lecourbe, gegen den der alte General zuerst eine entschiedene Abneigung zeigte, wußte durch seine Geschmeidigkeit endlich den guten Willen des Greises so zu gewinnen, daß er sich nun als seinen Schüler ansehen konnte. Die Schule hat ihm genützt; und es wird allgemein nicht ohne Grund behauptet, er würde den Krieg in den Bergen nicht so vorteilhaft gemacht haben, ohne des Alten Unterricht. Die Wachsarbeit ist bekannt: es ist Schade, daß ihm die Jahre nicht erlauben, das Übrige zu vollenden. Dieser Krieg hat die Bergbewohner in Erstaunen gesetzt: man hat sich in ihrem Lande in Gegenden geschlagen, die man durchaus für unzugänglich hielt. Die Feinde haben Wege gemacht, die nur ihre Gemsenjäger vorher machten; vorzüglich die Russen und die Franzosen. Man hat sich auf einmal überzeugt, daß die Schweiz bisher vorzüglich nur durch die Eifersucht der großen Nachbarn ihr politisches Dasein hatte. Die Russen und Franzosen kamen auf Pfaden in das Murter Tal, die man nur für Steinböcke gangbar hielt. Die Katholizität scheint hier in Luzern sehr gemäßigt und freundlich zu sein. Das Merkwürdigste für mich war noch, daß mir der Kellner im Gasthofe erzählte, man habe in dem See zweiunddreißig Sorten Forellen, so daß man also bei der kleinsten Wendung der Windrose eine andere Sorte hat. Diejenigen, welche man mir gab, hätten einen Apicius in Entzücken setzen können; und ich rate Dir, wenn Du hierher kommst, Dich an die Forellen zu halten, wenn Du gleich nicht alle Sorten des Kellners finden solltest.
Von Luzern ließ ich mich auf dem Wasser wieder zurückrudern, durch die Bucht links, ging über den kleinen Bergrücken herab an den Zuger See, setzte mich wieder ein, und ließ mich nach Zug bringen.“
Eben diesen Weg nahm mein Boot auch. Nur war mein Aufenthalt in Luzern noch kürzer. Ich fuhr mit dem Roller die Uferpromenade auf und ab, am Casino vorbei, den alten pompösen Bettenburgen aus dem 19. Jahrhundert. An einem Kiosk kaufte ich mir ein belegtes Brötchen. Das war neben ein paar Nüssen und dem Frühstück meine Verpflegung des Tages.
Der Vierwaldstädter See ist eine Bootsfahrt wert. Da muss ich Seume voll zustimmen. Man sieht gigantische Gipfel zu beiden Seiten des Ufers, das fällt zuweilen so steil ab, dass man denkt, die Landschaft sei gerade erst geflutet.
Von vielen der Anlegestellen gibt es Wanderwege, Seilbahnen, oder einfach nur Zugang zu altehrwürdige Hotels. So füllte sich das Boot denn schnell mit Ausflüglern, die aus- und zustiegen, und offenbar die Gegend kannten. An vielen der Städtchen, selbst in Luzern, gibt es kleine Badestellen, die heute bei schönem Wetter gut besucht waren. Je näher man auf Luzern zukommt, desto mehr Segelboote sieht man, aber auch Paddler aller Art. Leider wird in dem dann flacheren Gelände auch die Uferbebauung dichter. Überall stehen Kräne. Immer wieder sah ich ein Wasserflugzeug über dem See und dachte mir: welch Dekadenz!
Aber irgendwie hat das ganze Land etwas Dekadentes. Es ist so ein unglaublicher Wohlstand, dass ich immer wieder an eine These eines leider verstorbenen Bekannten denken musste: Alle großen Reiche basieren auf Sklavenarbeit.
Es sind alle Häuser wie frisch gestrichen. Das Boot, auf dem ich fuhr, aber auch das Dampfschiff nach Küssnacht, Baujahr 1902, sahen aus, als kämen sie frisch aus der Werft. Kein Kratzerchen am Lack, alles Holz wie poliert. Samtpolster in der ersten Klasse. Die Abfallbehälter an der Luzerner Uferpromenade: Edelstahl. Eine blöde Schraube an der Rückseite eines Verkehrsschildes: Edelstahl. Der Handlauf an der Treppe zu einem Häuschen mit einem Sperrventil für ein Wehr: Edelstahl.
Die Schweiz hat zwei Weltkriege ohne direkten wirtschaftlichen Schaden überstanden. Im Gegenteil: von diversen Bank- und Handelsgeschäften mit allen Parteien profitiert. Sie hat sehr früh auf eine Industrie gesetzt, die keine Rohstoffe braucht, markantestes Beispiel: Luxusuhren. Und dann noch die „Finanzindustrie“, anonymes Geld nahezu steuerfrei verzinsen, oder anonym auf der Welt investieren, ganz ohne Skrupel bezüglich Woher und Wohin. Dennoch war die Schweiz noch in den fünfziger Jahren kein wirklich reiches Land. Und in der Gegenwart beobachte ich, das auch hier, die schlecht bezahlten Jobs von Migranten gemacht werden, jedenfalls wenn es um Küche und Putzen geht.
Jetzt blicke ich aus einem supermodernen Hotel, welches ich beinahe ignoriert hätte, weil es zwar günstig war, aber direkt neben einer Tankstelle liegt. Eine echte Entdeckung! „Tailormade Hotel Rigiblick“. Vor mir bimmelt es auf einer sattgründen Weide im Abendlicht. Durchs offene Fenster kommt der Geruch von Weide, frischem Gras und Erde.

Blick auf Luzern
