Heute war prächtiges Rollerwetter, anfangs hatte ich sogar etwas Rückenwind, und ich habe 59,7 km geschafft. Von dieser Strecke bin ich gleichwohl 6,7 km gelaufen, denn es war wieder etwas hüglig, und bergauf musste ich den Roller schieben.
Den Rhein habe ich dabei mehrfach überquert, immer mal Ufer und Anrainerland gewechselt, und ihn auch sonst viel öfter gesehen als gestern. In Basel jedoch bin ich sogar im Rhein geschwommen. Mein Tagesziel erreichte ich nämlich schon um 15 Uhr, reichlich verschwitzt, und so wollte ich meiner Airbnb-Gastgeberin nicht unbedingt entgegentreten.
Je näher ich der Altstadt kam, desto öfter sah ich Leute mit Schwimmkissen im Fluss. Am Ufer gibt es zahlreiche Treppen zu kleinen Kiesstränden, an denen die Leute sogar teilweise nackt lagen. Oben auf der Uferpromenade sind Tafeln, auf denen genau beschrieben ist, was man darf und was nicht: nur an bestimmten Stellen ins Wasser, Fähren und Schiffen Vorrang geben, nicht in den Hafen oder in die Fahrrinne reinschwimmen usw. Und tatsächlich haben sich die Schwimmenden den Fluss mit großen Lastkähnen und gelegentlichen Motorbooten geteilt. Einige ließen sich offenbar auch große Strecken treiben, hatten aber große bunte Kissen dabei, die sie an Leinen hatten, wo vermutlich auch die Habe verstaut war. Das hat mich auch deshalb erstaunt, weil nur ein kleines Stück weiter oben ein Hafen mit großen Tanks und viel Industrie zu sehen war.
Aber das Wasser war tatsächlich völlig klar. Nur die großen runden Kiesel im Fluss waren etwas glitschig, und ich musste balancieren, um rein- und rauszukommen. Also bin ich einigen Minuten stromaufwärts geschwommen, relativ dicht am Ufer, und war überrascht, wie schnell ich wieder am Einstieg war als ich wendete. Der Flus hat schon einige Geschwindigkeit und ist gewiss nicht zu unterschätzen. Aber ich war begeistert, wie viel Freiheit die Basler hier bekommen. In Deutschland wäre vermutlich alles mit Zäunen und Bojen abgesperrt. Zwanzig Kilometer flussaufwärts sah ich heute allerdings auch ein Schild, auf dem vor wechselnder Schmutzfracht des Flusses und vor dem Baden gewarnt wurde.
Also, ich habe nichts geschluckt und freue mich, diesen Fluss mal näher kennengelernt zu haben. Bisher war ich nur in der Saale, in der Havel, im oberen Teil der Spree, in den achziger Jahren mal der Donau in Bulgarien und sonst eigentlich in keinem anderen Fluss schwimmen.
Der Rhein ist aber insgesamt wohl eines Teils seiner alten Schönheit beraubt. Auf der gesamten Strecke gibt es nicht zur zahlreche Kraftwerke mit Staustufen, vor denen der Fluss breit steht wie ein See. Er ist auch durchweg mit Steinschüttungen an den Ufern eingefasst wie mit dem Zirkel gezogen. Sicher alles vor Jahrzehnten wohlüberlegte Maßnahmen, wenn man an seine wirtschaftliche Nutzung oder die Gefahren von Hochwassern denkt. Dennoch wünschte ich mir immer mal wieder während des Tages eine kleine Zeitreise ins 19. Jahrhundert, als der Fluss frei fließen konnte, vielleicht Sandbänke und sandige Uferstreifen hatte, zahlreiche Nebenarme, eine klassische Flussauenlandschaft besaß, jedes Jahr seinen Lauf ein wenig änderte.
Wieviel Raum der Fluss einmal hatte, sieht man, wenn man weiter landeinwärts immer noch wie auf einer großen Platte unterwegs ist, auf alte Prallhänge trifft. Dann erkennt man, dass der Fluss vor vielen Jahrzehnten zuweilen etliche Kilometer Freiraum nach den Seiten hatte.
Schon die Römer haben ab und zu mal Schlaufen des Rheins durchstochen, um den Fluss für die Schifffahrt zu begradigen. Und auch zwischen 1817 und 1866 wurden solche Begradigungen vorgenommen und so der Rhein um 80 km verkürzt.
Einmal hatte ich einen Ohrwurm von der bescheuerten „Wacht am Rhein“.
Und dann hätte mich natürlich interessiert, wo Seume so langlief. Am Ufer? Oder auf Straßen abseits? Hat ihm der Fluss etwas bedeutet? An verschiedenen Stellen des „Spaziergang“ lässt er sich ja über die Wasserqualität aus.
Als Wegmarken werden mir vom heutigen Tag das KKW Leibstadt in Erinnerung bleiben, von dem ich gar nicht wusste, dass es noch in Betrieb ist. Ich werde mich an die imposante Architektur der Wasserkraftwerke erinnern. Ein wenig pausiert habe ich in Laufenburg - auf schweizer Seite einfach auf einer Bank gesessen und von meinen Vorräten gegessen, auf deutscher Seite ein Eis.
Mir fällt übrigens an Deutschland etwas Schönes auf: es ist die Tradition, an vielen Stellen in der Landschaft Bänke zu platzieren. Darin sind wir wirklich gut. Und ganz schlecht ist Italien in dieser Disziplin.
Tatsächlich denke ich auch immer mal über die Form des Reisens nach. Ich komme mit relativ wenig Leuten in Kontakt, wenn ich über Land rolle. Wobei mir heute auffiel, dass sich in Deutschland irgendwie etwas wohlwollender wahrgenommen werde. Kommen mir Leute in der Schweiz auf ihren Rädern in Vollschutz (Warnweste, Helm, Windschutzbrille, Handschuhe) entgegen, ernte ich kaum einem Blick und stets bin ich es, der zuerst grüßt. In Deutschland, zumindest hier im Badischen, ist das anders. Einmal haben mir überholende Leute auf Rennrädern sogar eine gute Reise gewünscht. Ja, und Grüße werden auch erwidert. Es wird mehr gelächelt. Aber vielleicht waren das ja auch alles Deutsche, die mir in der Schweiz entgegenkamen.
Sitze ich jedoch irgendwo auf einer Bank oder in einem Café, sitze ich allein. Wenn ich angesprochen werde, dann oft zuerst wegen meiner Brille.
Ich freue mich übrigens über die Wahl meiner Reisezeit: es ist nicht mehr so warm, und oft kann ich Pflaumen und Birnen kosten, die jetzt reif sind.
Quartier habe ich heute via Airbnb bei Maria und Mann. Sehr nette Gastgeber und interessante Gesprächspartner. Maria kommt ursprünglich aus Portugal und gab mir als pensionierte Krankenschwester interessante Einblicke in Entwicklungen des Gesundheitssystems in der Schweiz. Seit ich das Quartier gebucht habe, folgt sie mir auf einigen Kanälen. Und sie kannte Seume.

Blick auf Basel von östlicher Richtung.
