Für heute hatte Komoot eine Strecke von 60 km berechnet. Aber Komoot wählt bei der Option „Radtour“ in der Regel etablierte Radwege. Und die führen dann hier in der Gegend oft auf den alten Treidelwegen der Kanaldeiche entlang in zahlreichen Schleifen. Ein Paar dieser üppigen Kurven habe ich abgeschnitten und bin stattdessen Landstraße gefahren. Das hat mir einerseits 10 km erspart, andererseits musst ich einige Höhenzüge überwinden, die der Kanal natürlich nicht nimmt. Meine Statistik sagt, es sei im Laufe des Tages ca. 1.000 m bergauf gegangen. Bergab natürlich dann auch.

Ich rede vom Rhon-Rhein-Kanal, der eigentlich das Mittelmeer mit der Nordsee verbinden sollte. Seine Planung begann im 18. Jahrhundert, erste Baumaßnahmen fanden ab 1784 statt, das erste befahrbare Teilstück mit 17 km Länge war 1802 vollendet. Zum Schluss, als alles fertig war, das war 1834, hatte der Kanal eine Länge von 237 km, 112 Schleusen, und er überwand 265 m Höhenunterschied.

Seume erwähnt ihn nicht, und möglicherweise hat er auch von den Bauarbeiten wenig mitbekommen. Da es also unwahrscheinlich ist, dass Seume, so wie der Radweg heute, die Dämme mit ihren Treidelpfaden benutzte, versuche auch ich, diese Streckenabschnitte zu vermeiden. So nett es ist, quasi immer horizontale Wege zu haben, nur an den Schleusen geht es mal kurz einen Meter hoch oder runter, so langweilig ist das auch. Der Kanal wurde bei der Streckenführung dem Gelände angepasst. Er führt also weder an Supermärkten noch an netten Bistros vorbei.

Auf meinem heutigen Streckenabschnitt wird der Kanal hauptsächlich vom Wasser des Doubs gespeist. Dieser Fluss entspringt einer Karsthöhle in der Schweiz und mündet in die Saone, diese später in die Rhone.

Dass der Kanal gebaut wurde, war für den Doubs ein ökologischer Glücksfall. Denn das verhinderte seinen Ausbau als Schifffahrtsstraße über weite Strecken seines Laufs. Der Fluss ist weitgehend naturbelassen, er hat ein sehr breites Flussbett, windet sich in zahlreichen Schlaufen. Man sieht Kiesbänke, kleine Inseln, ein gelegentlich erodiertes Ufer, umgestürzte Bäume. Sein Wasser ist klar und wird von vielen kleinen Stromschnellen belüftet. Und darüber hinaus mäandert er durch ein wirklich schönes Tal.

Im Kanal wiederum hat an vielen Stellen das Kraut obsiegt. Er ist inzwischen ein stehendes trübes Gewässer, oft ganz mit Entengrütze und Algen bedeckt.

Also fuhr ich nur ein kleines Stück auf dem Kanaldeich, stattdessen viel Landstraße, die D 683. Tatsächlich war ich unterwegs gut versorgt. Mittag in einer Pizzeria am Fluss, am Nachmittag Einkauf bei Lidl.

So nervig das Schieben auf die Hügel ist, so fröhlich ist die Abfahrt. Vor allem, wenn der Asphalt glatt ist. Und von den Hügeln kann man zuweilen weit ins Land schauen.

Heute Morgen hatte ich eine nette Begegnung mit Ewa. Sie fiel mir schon beim Frühstück im Hotel auf, als ich aus dem Fenster schaute und sie mit ihrem quietschgrünen Rucksack vorbeilief. Da dachte ich mir: bestimmt eine Wandrerin. Tatsächlich traf ich sie eine halbe Stunde später am Kanal. Ich blieb stehen und ging dann einen guten Kilometer neben mir her. Sie kommt aus Tschechien und geht in großen Etappen einen neuen Wanderweg, der durch ganz Frankreich führt. Gerade heute früh ist sie mit dem Flixbus angekommen. Das mein Roller aus Tschechien kommt, erfreute sie. Wir haben dann ein wenig über verschiedene nicht motorbasierte Reisemethoden philosophiert. Dann sah ich aus der Ferne einen Supermarkt. Ewa musste sich mit Lebensmitteln eindecken, und ich bog vom Kanal ab.

Wenige Kilometer weiter sprachen mich zwei Monteure an, die an einem großen Schaltschrank mit vielen bunten Glasfaserkabeln hantierten. Die waren neugierig, was ich so mache. Wirklich im Detail verständigen konnten wir uns nicht. Ich verstand nur, dass der Ältere von beiden eigentlich Algerier sei. Als sie ein Selfi mit mir gemacht hatten, zückte ich meine Plastikkamera und machte meinerseits Bilder. Als sie die Ausdrucke in der Hand hielten, waren sie ganz aus dem Häuschen. Wir verabschiedeten uns lachend, und ich fuhr weiter. Doch kurze Zeit später hielt ihr Auto hupend neben mir, und der Algerier reichte mir in eine Serviette eingewickelt ein Stück orientalisches Gebäck aus dem Fenster.

So ist es. Mein geliebtes Europa.

Ansonsten kam ich heute noch an einem imposanten Schloss auf einem Felsen in Montbeliard vorbei, hatte aber keine Lust, letzteren zu erklimmen.

Die Gegend hier ist nicht mehr so von Wohlstand gezeichnet wie das Elsass oder gar die Schweiz. Fassaden haben viel Patina, und oft sind die Fenster vernagelt, wenn die Häuser unmittelbar an der Straße stehen.

In gibt es zwei Straßen weiter einen Campingplatz, aber auch von Tourismus ist das Land hier einigermaßen verschont.

Mein Quartier haute habe ich in einer Ferienwohnung. Die ist eigentlich ein komplettes kleinstädtisches Reihenaus in einer ruhigen Seitenstraße. Vermutlich im 18. Jahrhundert gebaut, alles etwas schmal und gedrungen, leide nicht sehr fachmännische „modernisiert“. Aber mit Waschmaschine.

Der Doubs - ein Fluss in Freiheit
Tag 23 Von Belfort nach Pays-de-Clerval
05. September 2026, 51 km bis km 1.180
Die Türme des Schlosses in Montbeliard

Blick ins Tal des Doubs

Der Doubs bei Saint-Morice-Colombier