Es ist erstaunlich, dass Seume so wenig über die Gegend hier schreibt.

„Nun ging ich über Besançon und Auxonne nach Dijon herunter. Es war ein Vergnügen zu wandeln; überall sah man Fleiß und zuweilen auch Wohlstand. Wenigstens war nirgends der drückende Mangel und die exorbitante Teurung, die man jenseits der Alpen fand: und doch hatte hier die Revolution gewütet und der Krieg gezehrt. Besançon ist wohl mehr ein Waffenplatz als eine Festung. Der Ort ist seit Cäsars Zeiten immer ein wichtiger Posten gewesen. Aber bei einer Belagerung würde jetzt die Stadt bald zu Grunde gehen und der Ort sich kaum halten. In Auxonne wurden alle Festungswerke niedergerissen, und jedermann ging und ritt und fuhr ungehindert und ungefragt aus und ein. Das fand ich selbst gegen die Schweiz sehr liberal. Einen Abend blieb ich in Genlis, dem Gute der bekannten Schriftstellerin. Die Besitzung ist sehr nett, aber sehr bescheiden; und die Dame wird, trotz allem was ihre Feinde von ihr sagen, hier sehr geliebt.“

Den Doubs erwähnt er mit keinem Wort. Das kann daran liegen, dass die Straßen eben nicht an seinem Ufer entlangführten, möglicherweise eher über die umliegenden Ebenen, in die sich der Fluss hereingeschnitten hat.

Daher werde ich morgen, den Rat von Komoot ignorieren und nicht schon wieder stundenlang schnurgerade Treidelwegen entlang des Kanals fahren, sondern tatsächlich so wie Seume über Auxonne und Genlis rollen. Das beschert mir zwar etliche Landstraßenkilometer und vermutlich auch Steigungen, ist aber insgesamt sogar ein klein wenig kürzer.

Obwohl ich heute fast die ganz Zeit auf dem Treidelweg fuhr, hat ich dennoch ca. 1.000 Höhenmeter gemacht, obwohl der Fluss ja mit dem Kanal eigentlich talwärts führt. Aber es sind immer wieder kleine Anhöhen zu machen, so dass man am Ende des Tages doch ein ganzes Stück bergauf gefahren ist.

Letzte Nach hatte es geregnet. Aber kühl war es heute Morgen nicht wirklich, und während des Tages stiegen die Temperaturen dann doch wieder auf knapp über 30°C. Anfangs fuhr ich im Schatten. Doch die gegenüberliegenden Sandsteinwände der Felsen hatten sich schon so aufgeheizt, dass mich ab und zu ein Wind anfuhr, als käme er aus einer geöffneten Backofentür.

Mein Hotel in Besancon sah zwar futuristische aus, aber die Klimaanlage funktionierte nicht, das Zimmer war dürftig. Ich schlief bei offenem Fenster und draußen dröhnte die ganze Nach vergeblich das Aggregat – vermutlich – der Klimaanlage. Aber ausnahmsweise hatte ich den Fernseher angemacht und sah auf dem einzigen deutschen Kanal das Desaster in Sachsen-Anhalt. Ich weiß, dass dieser katastrophale Durchmarsch der Rechten und Extremen für einige Freunde ein Sachsen-Anhalt nichts Gutes bringen wird. Das ist bitter. Lasst die Affen nicht ans Lenkrad, möchte man rufen. Zu spät.

Auf ein Frühstück für 15 € wollte ich in diesem Hotel gern verzichten. Zumal ich zur Amortisierung dieses Preises dann auch immer ordentlich esse, obwohl ich morgens noch nicht wirklich großen Hunger habe. Doch das war eine problematische Entscheidung. Ich war sehr schnell aus der Stadt und fand mich auf diesem langweiligen Kanalweg. Bei jedem Dorf hoffte ich auf irgendein Bistro. Aber montags haben die wenigen, die es gibt, größtenteils geschlossen. Verzweifelt hielt ich Ausschau nach Obstbäumen. Aber immer öfter entpuppen sich die verlockenden gelben Flecken in den Kronen als Laub, das schon die Herbstfärbung annimmt.

Also aß ich den letzten Rest eines am Samstag gekauften Baguettes, zwei Eiweißriegel (tolles Wort!), und trank dazu Chlorwasser aus dem Hahn des Hotels, mit dem meine Flasche gefüllt war.

In Saint Vit machte ich einen kleinen Umweg in die Stadt, weil dort ein Supermarkt geöffnet hatte. Ich kaufte drei Bananen, eine Büchse Fisch, Käse und eine 1-l-Flasche Mineralwasser mit erhöhtem Magnesiumanteil (schmeckte komisch bitter…). Vom dem Mineralwasser füllte ich meine Trinkflasche auf und trank den Rest sofort leer.

Gegenüber bei einem Bäcker kaufte ich mir ein belegtes Baguette und ein frisch gebackenes.

Das Problem der Kanalradwege ist auch eine völlig unzureichende Wasserversorgung. Es gibt weder Quellen noch Trinkbrunnen. Die Gastrodichte entspricht ungefähr der Brandenburgs. Und Obstbäume wachsen auch nicht an der Strecke. Erst gegen Mittag konnte ich an einem Grundstück abseits des Kanals Pfirsiche tanken. Aber die waren recht klein, mehr Kern als Frucht.

Eine kleine Erleichterung verschaffte mir die Einkehr in einer angenehm turbulenten Fernfahrerkneipe in La Barre, wo ich sofort zwei Flaschen eiskaltes alkoholfreies Bier kaufte. Der Barkeeper gab mir zwei Gläser dazu. Ich lachte, und gab eines zurück.

Die einzige ernstzunehmende Abwechslung heute war die gleich mehrfache Begegnung mit Alfred, der mit Frau und brasilianischem Ziehsohn auf Fahrradtour durch Frankreich ist. Dummerweise vertieften wir uns an einer Stelle ins Gespräch, an der sich, wie so oft hier, weit und breit keine schattige Bank zum Hinsetzen fand. Aber wir hatten viele Themen rund um mutiges Reisen. Und natürlich wurde ich auch zu Sachsen-Anhalt befragt. Wenn die Affen am Lenkrad wüssten, was sie schon nach kurzer Zeit an Schaden bzw. Imageverlust angerichtet haben.

Eine weitere interessante Beobachtung waren zwei Boote mit Touristen, die auf dem Kanal unterwegs waren und das wegen der vielen Schleusen sehr langsam. Eines habe ich wegen meiner Pausen zweimal überholt.

Ich bin jetzt vier Tage in Folge bei warmem Wetter um die 60 km gefahren. Morgen nach Dijon sind es nochmal gut 50. Das steckt mir dann doch ordentlich in den Knochen. Heute mit Gegenwind fühlte sich das ab Mittag an, als würde ich irgendwo festkleben, als hätten die Reifen die Hälfte der Luft verloren. Die wollten einfach nicht so rollen, wie ich es gerne hätte.

Morgen muss ich einen Fahrradladen mit ordentlich Luft finden. Und in Dijon mache ich übermorgen einen Ruhetag. Was heißt: ich werde mir dort einige Sehenswürdigkeiten und auf jeden Fall das Kunstmuseum ansehen.

Aber wenn ich – so wie heute – eine kleine Ferienwohnung als Quartier habe, ist schon mal vieles einfacher: Tee, zum Abendessen Spirelli mit Fisch aus der Büchse, Platz. Und im Parterre ein Pub, in dem ich gleich noch ein ordentliches Bier zischen werde. Obwohl ich in Burgund bzw. noch im Jura bin, habe ich keinen rechten Appetit auf Wein. Ich brauch einfach richtig viel Flüssigkeit.

Mühle am Doubs
Tag 24 Von Besancon nach Dole
07. September 2026, 61 km bis km 1.297
In der Fernfahrerkneipe

Auf der Ebene über dem Flusstal

Blick auf Dole