Heute habe ich das Flussufer nach wenigen Kilometern verlassen. Ich wollte wieder etwas von den Dörfern sehen. Gestern habe ich übrigens mal recherchiert, wo die alten Postrouten zwischen Dijon und Paris verliefen. Tatsächlich waren Auxerre und Sens – Auxerre wird von Seume erwähnt, Sense habe ich gestern passiert – wichtige Knotenpunkte der Postrouten. Ich liege also nicht völlig daneben, auch wenn die Radwege am Fluss mit Sicherheit nicht zu Seumes Weg gehörten,

Die Dörfer sind natürlich am Morgen mausetot. Nur vereinzelt sieht man Menschen. Vor einem Dorfladen fragte mich ein junger Mann nach dem Woher und Wohin. Er hatte sich gerade zwei Büchsen Bier gekauft. Ging dann auch gleich weiter.

In Misy-sur-Yonne habe ich mir das Schloss angesehen, allerdings nur von Weitem, durch den Zaun. Es ist in Privatbesitz und kann für Hochzeiten usw. gemietet werden. Auch kann man Zimmer für die Übernachtung buchen.

10 km Straße und Dorf, dann doch wieder an den Kanal. Nach Fahrradwegen auf Hollandniveau hatte ich es jedoch plötzlich mit einen gewöhnlichen Feldweg zu tun, Löcher und Kies. Als selbst der endete und der alte Treidelweg mit historischem Kopfsteinpflaster zum Vorschein kam, bog ich wieder ab in Richtung Barbey, einem kleinen Dorf, das den Namen eines guten Bekannten in Berlin trägt.

Nach wenigen Metern auf dem Umweg musste ich feststellen, dass mein Reifen hinten Luft verloren hat. Zum Fahren zu wenig, zum Schieben geraden noch ausreichend. In dem menschenleeren Dorf habe ich drei Leute getroffen, die ich vergeblich nach einer Luftpumpe fragte. Es wäre auch wirklich großer Zufall gewesen, denn mein Ersatzschlauch hat ein sogenanntes Autoventil, da ist mit einer normalen Fahrradpumpe nichts zu machen.

Also bis zur nächsten Tankstelle laufen, zum Glück nur etwas mehr als 3 km. Die lag mitten in einem Gewerbegebiet. Und als ich ankam, musste ich feststellen, dass man dort an Automaten und in Selbstbedienung nur LNG tanken kann und es keine Druckluft gab. Die nächste Option wäre dann noch mal 6 km weiter gewesen. Ich grübelte und überlegte. Auf dem Areal waren mehrere Logistikfirmen, vielleicht müssen die ja ab und zu mal ihre Lkws warten? Aber inzwischen war es 12 und überall waren die Tore geschlossen. Schließlich kam ich zu einer kleinen Metallverarbeitungsfirma. Ich betrat das Gelände durch das offene Tor, denn ich sah einen Mann an seinem Auto hantieren. Er schaute mich etwas erstaunt an, ihm zeigte ich meinen Reserveschlauch, fragte nach Druckluft, und er kapiert, dass ich eine passende Luftpumpe brauch. Er überlegte kurz, lächelte und bat mich, zu warten. Er kam dann zurück mit einer elektrischen, die man am Zigarettenanzünder des Autos betreiben kann. Ich erklärte ihm, dass ich erst mal den Schlauch wechseln muss, bevor wir pumpen können. Das ging zum Glück recht schnell, und bald stand ich vor seinem Auto, in dem er geduldig wartete, und wir machten Druck und alles war schön.

Nur: wenn der Schlauch Luft verliert, und da steckt nichts im Reifen, ist der Wurm drin. Ich habe den Reifen natürlich innen abgetastet, ob irgendwo ein Stein oder ein Stachel zu spüren ist, nichts. Aber nach wenigen Kilometern merkte, ich dass der Druck wieder fällt. Langsam, aber stetig. Kurz: ich brauchte einen neuen Reifen. Wenn ein relativ abgefahrener Reifen Risse hat, setzt sich dort immer wieder was kleines Spitzes fest, und dann nützt auch Schwalbe Marathon nichts, wenn sie abgefahren sind (die sollen wohl nur 42,5 km durchhalten…daher der Name).

In Montereau-Folt-Yonne, wo die Yonne in die Seine mündet, und wo Napoleon zum letzten Mal 1814 eine große Schlacht gegen die Österreicher und andere Truppen der Koalition gewann, gibt es keinen Fahrradladen. Und auf der verbleibenden Strecke bis zum Ziel auch nicht. Aber etwas abseits der Stadt fand ich einen Laden für E-Bikes. Und auf den Bildern im Netz zu diesem Shop sah ich, dass die auch E-bikes mit 20“-Rädern führen.

Also trödelte ich noch etwas herum, denn der Laden öffnete erst um 15 h wieder. Ich aß erst in einem Bistro zu Mittag, ein großes Baguette mit richtig viel Thunfisch, dann setzte ich mich mit dem Laptop auf eine Bank in den Park. Nach einem schönen Café suchte ich vergeblich, denn die vorhandenen hatten ihre Tische alle zu der relativ stark befahrenen Hauptstraße, die den Ort quert.

Eigentlich viel zu zeitig machte ich mich auf den Wag zum Fahrradladen. Aber, so dachte ich, wenn ich zu früh ankomme, kann ich ja schon mal die Räder ausbauen. Auf dem Weg lag aber noch eine große Filiale von Intersport, etwa auf halber Strecke. Dort versuchte ich mein Glück in der Fahrradabteilung. Auf meine Frage nach 20“-Reifen erntete ich zunächst verständnislose Blicke. Dann entdeckte ich aber welche in der Kinderabteilung. Ich fragte, ob ich meinen Roller reinholen darf für einen Reifenwechsel. Die Jungs von der Fahrradecke waren einverstanden. Also habe ich mir mitten im Laden ein Eckchen gesucht, mein Zeug ausgebreitet, den Roller hingelegt, und gleich beide Reifen und beide Schläuche getauscht. Das kam dann 30 € und für das Leihen der Luftpumpe habe ich den Jungs in der Fahrradecke noch zwei Euro hingelegt.

Mit maximalem Druck auf den Pneus und frischem Profil fuhr ich weiter. Vorbei am Napoleonreiterstandbild nunmehr entlang der Seine. Allerdings: die neuen Reifen haben eine Art Traktorprofil. Vielleicht gut für den Winter, aber auf Asphalt sind meine alten Slicks definitiv besser gerollt. Schade. Es fährt sich wie auf Kaugummi.

Eine viel größere Hürde stand mir aber erst bevor: glaubte ich vor 20 Kilometern noch, mit der zunehmenden Nähe zu Paris würden die Radwege immer komfortabler, musste ich jetzt das Gegenteil erfahren: ein zweispuriger Kiesweg (da rollt eigentlich nicht wirklich was) verwandelte sich zusehends in einen immer schmaler werdenden buckligen Feldweg, der zudem noch ab und zu mit Gestrüpp zugewachsen war. Ich musste schieben, der Roller, der ja aus gutem Grund sehr tief gelegt ist, setzte immer wieder mit dem Trittbrett auf. Das zog sich über Kilometer hin. Gut, ich habe vielleicht ein Naturschutzgebiet durchquert. Komoot hat an dieser Stelle aber komplett versagt. Jede Straße ist für den Roller und sicher auch für das Rad besser als solch ein Dschungelpfad.

Tagesbilanz: einschließlich der Umwege 50 km, davon 14 geschoben.

Dafür hatte ich ein schönes Quartier mit Gartenterrasse und ‚Kochmöglichkeit. Kurz vor der Ankunft habe ich im ALDI noch Obst und Nudeln und Anderes gekauft für Abendessen und Frühstück.

Die Dorfstraße von Courlon-sur-Yonne
Tag 34 Von Pont-sur-Yonne nach Champagne-sur-Seine
16. September 2026, 49 km bis km 1.651
Das Schloss von Misy-sur-Yonne

Der Zusammanfluss von Seine und Yonne in Monterau-Fault-Yonne

Unten: auf dem Pfand an der Seine. Offenbar hat man im Flussbett einiges gefunden.