Wenn die Quartiere schön sind, möchte ich mir morgens gern etwas mehr Zeit lassen. Das tat ich heute. Bei schlechten Quartieren, so wie gestern, möchte ich so schnell wie möglich los. Aber heute sprach für einen etwas späteren Aufbruch auch der Umstand, dass es jetzt kaum wärmer als 22 °C wird – ideales Wetter für mich, und keine Gefahr von Mittagshitze.
Ich bin jetzt so viel draußen gewesen, dass ich mir keine Gedanken machen muss, wenn ich bei 11°C nur in kurzer Hose und meinem sehr leichten Tropenhemd losfahre. Nach kurzer Zeit bin ich warm vom Treten.
Zunächst fuhr ich parallel zur Seine auf einer Straße, die nach 1,5 km gesperrt sein sollte. Kleines Risiko. Aber wie so oft waren die Franzosen einfach zu faul einzuschränken, dass diese Sperrung für Leute mit Rad keine Relevanz hat.
In Vulaines-sur-Seine überquerte ich die Seine und fuhr nach einem Anstieg durch einen sehr schönen Mischwald auf richtigen Waldwegen. Die waren jedoch anderes als der Feldweg gestern nicht so zerklüftet. Es war ruhig, Sonne schien, ein schöner Mischwald. Das Areal gehört zum zum großen Wald von Fontainbleau. Schnurgerade Schneisen, sternförmige Kreuzungen – alles was früher der Jagd genutzt hat.
Rast machte ich in Boise du Roi – da steckt der König im Namen. Alles wie geleckt, viele Villen, keine Fabriken, keine Farmen.Ich saß vor einem Bistro und beobachtete drei (!) Gemeindearbeiter, die mit speziellen Hacken und einem Schraubenzieher, das letzte Restchen Grün aus den Pflasterritzen kratzten.
Noch schicker wurde es dann am Ufer der Seine, das ich bald wieder erreichte. Entlang der asphaltierten Straße stand eine pompöse Villa neben der anderen, natürlich immer mit reichlich Grundstück, schönen Gärten und einer Stilvielfalt, bei der man merkte: hier durften sich die Architekten für die reichen Pariser voll austoben.
Kurz vor Melun wurde es dann wieder industrieller. Mich interessieren ja die Speicher, Getreidesilos, Betonmischwerke. Die stehen immer wie riesige rücksichtlose Skulpturen in der Landschaft. Könnte mal ein fotografisches Thema für sich werden. In einer Autowerkstatt ließ ich nochmal Druck auf die Reifen machen. Es konnte ja sein, dass die Pumpe im Intersport gestern bissel schwach oder nicht geeicht war. Tatsächlich ging in jeden Pneu noch ein wenig rein bis zum Maximaldruck. Bedankt habe ich mich mit einem „Polaroid“ aus meiner Kaugummikamera. Die nenne ich so, weil die aussieht, wie aus dem Kaugummiautomaten. Aber die ist eine echter Ice-Breaker und bringt die Leute immer zum Schmunzeln.
Melun Ist nicht wirklich schön. Das Problem der Stadt: man hat quasi jede Straße für die Autos freigegeben. Zwar manchmal nur in eine Richtung, und auch mit Geschwindigkeitsbegrenzung. Die Folge ist, dass die Altstadt voller Ampeln steht. Verkehrsberuhigung wird hier bestenfalls halb gelebt. Raussetzen braucht man da sich zum Essen weiß Gott nicht, es sei denn, man will aus jedem dritten Autofenster gegrüßt werden.
Ich nahm in einem „Asiaten“ Platz, der allerdings fest in der Hand eines Menschen aus Marseille oder sonst wo her war, der eine dicke klobige Sonnenbrille mit viel Gold und Basecap trug, auch nicht den geringsten asiatischen Zug im Gesicht führte, aber alles ruhig und freundlich im Griff hatte. Ich hatte Appetit auf ein Gericht mit ordentlich Gemüse.
Ich ließ mir Zeit, während mein Telefon an einer Steckdose Strom tankte.
Dann fuhr ich weiter, schob lange Strecken hoch auf ein Plateau, auf dem sich einst 1814 die napoleonischen Truppen gegen die Koalitionsarmee formierten.
So kam ich durch die Suburb mit schlimmen riesigen Kreisverkehren, klobigen Wohnmaschinen, vorbei an großen alten Kasernen und einem Gendarmeriemuseum.
Noch ca. 20 km zum Quartier und ordentlich Gegenwind. Ab und zu fuhr ich durch alte Dörfer, die rings von Neubauten eingekreist waren, kam an überdimensionierten Shopping-Parks vorbei, irgendwo im Nichts nur für Autobesitzer konzipiert.
Obwohl es bis Paris noch ca. 50 km sind, war schon spürbar: das sind Schlafstädte, auf dem Reißbrett entworfen, ohne Seele ohne Stadträume, von denen man denken würde: da könnte ich mir vorstellen, dass Leute abends draußen sitzen. Es ist ein wenig bemühte Infrastruktur, mit Spielplätzen und Boul-Flächen. Aber alles verliert sich. Es ist keine Landschaft, es ist eine Gegend – so sagt das ab und zu ein guter Bekannter.
So zog sich das – ab und zu durch Felder, Autobahn und Logistikhallen unterbrochen – hin bis zu meinem Tagesziel. Und weil ich jetzt in der Champagne bin, ging mir den halben Tag das Lied von Hannes Wader durch den Kopf: „Weit in der Champagne im Mittsommerwind, wo zwischen den Grabkreuzen Mohnblumen sind…“.
Ich habe Quartier in einem Apartmenthaus, oder Hotel mit Küchenzeilen, jedenfalls einer Rezeption, gleich gegenüber von einem Vorortbahnhof mit einer viergleisigen Bahnstrecke, vor dem auch die Busse halten. Nebenan ist eine riesige Mall. Es gibt Autohäuser und irgendwo noch eine Klinik. Immerhin: alles, was ich so noch kaufen wollte vor Paris habe ich hier mit kurzem Weg bekommen. Und den Roller durfte ich mit aufs Zimmer nehmen. Schluss mit Overtourism.
Aber: was nützen die schönsten Zutaten, wenn die Kochplatte in der Küchenzeile Fake ist? Na gut, Nudeln kann man auch in der Mikrowelle kochen.

Auch eine Art Silo. Am Stadtrand von Melun, gleich bei der Autobahn.
