Heute hatte ich eine kleine Frühstücksverlängerung. In einem Cafe dem Dom gegenüber saß ich und beantworte die Nachricht einer italienischen Journalistin. Sie wollte ein Interview mit mir machen über meine Reise, mein Projekt. Dazu hatte sie mir gestern eine E-Mail mit Fragen geschickt. Heute Morgen aber rief sie an, ich möge doch diese Fragen schriftlich bis zum Mittag beantworten. So bin ich denn erst gegen 11 losgefahren.
Am Ortsausgang von Modena machte ich einen Stopp bei Lidl: Nüsse, Bananen, eine frische Feige, ein alkoholfreies Bier und 1,5 l Wasser. Das Bier und einen Liter vom Wasser habe ich sofort getrunken, die Feige auch gleich verzehrt. Ich war erstaunt, was in meinen Magen so alles reinpasst. Doch mein Flüssigkeitskonsum ist einfach heftig an diesen warmen Tagen.
Die Via Emilia ist eigentlich keine richtige Straße, sie ist ein langgestrecktes Gewerbegebiet, unterbrochen von kleinen Städten und ab und zu Feldern. Es reihen sich alte und neue Lagerhallen, Autohäuser, Möbelhäuser, Supermärkte und Fabriken in wilder Reihung aneinander. Es gibt Bauruinen und Verfall zugleich. Ab und zu stehen mehrstöckige Häuser als solitäre am Straßenrand, vielleicht für Mitarbeitende in den Fabriken im städtebaulichen Nirgendwo.
Auch die Orte haben keinen richtigen Rand. Eine räumliche Gliederung findet bestenfalls mit Schildern statt.
Ich überquerte den nahezu völlig ausgetrockneten Secchia und machte Rast in Rubiera. Unter schattigen Arkaden nahm ich Platz und wurde sofort von einem schlanken, stark tätowierten Mann um die vierzig in Beschlag genommen. Mit Cafe und Zigarette saß er da und ließ seiner Neugier freien Lauf, so dass ich ihn freundlich unterbrechen musste, um nach eingegangenen Nachrichten aufs Telefon zu schauen. Die Journalistin wollte jetzt auch noch Porträts von mir haben, ich auf dem Roller usw. Ich schrieb ihr, dass ich keine Lust zu Selfies auf dem Roller habe. Und mischte alles
Der Tätowierte wollte alles Mögliche über mich wissen: ob ich den auch mal den Jakobsweg gehen wolle? (Gähn…). Wie ich meine Reisen finanziere? (Durch Arbeit, die bezahlt wird …). Er konnte einige Worte Englisch, und mischte alles fröhlich mit italienischen Brocken, wenn er nicht weiterwusste. Ich verstand ihn halbwegs. Dann begann er über sich und sein Leben zu erzählen. Er sei Friseur, würde aber ab und zu auch mal Wände streichen. Sein Vater sei bei der Gomorra gewesen, in Neapel, deshalb sei er von dort weggegangen. Seine Geschwister hätten jeweils drei Kinder, er keine. Drei seiner Hunde – Terrier - seien an Krebs gestorben, eine verflossene Freundin wurde erwähnt. Immer wieder trat ihm das Wasser in die Augen bei seinen Berichten, wärend derer ich zwei Croissants mit Schinken aß und den nächsten Liter Wasser in mich hineinkippte. Dann wollte er noch ein Selfi mit mir machen. Ich revanchierte mich mit einem Bild aus meiner Plastikkamera (die hat einen eingebauten Drucker und kann die Fotos auf Kassenrolle ausgeben). Als ich ihm sein Porträt überreichte, brach er in Tränen aus und umarmte mich geradezu leidenschaftlich.
Ich habe ein Herz für die Gestrandeten, Einsamen.
Die Via Emilia hatte auf der heutigen Etappe eine erstaunlich hohen Radweganteil. Den nahm ich gerne in Beschlag, denn er verlief auf der südwestlichen Seite der Fahrbahn, so dass ich immer mal wieder im Schatten fuhr, mal in dem der Gebäude, mal in dem von Bäumen und Sträuchern.
Wer allerdings einmal in den Niederlanden oder Dänemark Fahrrad gefahren ist, gerät nah an die Tränen. Immer wieder gab es hohe Stufen an Einfahrten, aberwitzige Umleitungen an jedem Kreisverkehr, Unterbrechungen und einfach schlechten Asphalt.
Als ich in Reggio Emila ankam, hatte ich schon 31 km auf der Uhr. Es war gegen 15 h und die Stadt wie ausgestorben. Es gibt in mir aber auch einen Instinkt, ob ich einen Ort sympathisch finde. Dieser war es nicht. Ich war schon fast wieder herausgerollt, als ich noch ein gekühltes Café fand. Bei zwei kleinen Flaschen Wassern bin ich immer mal sekundenweise weggeknackt. Eigentlich Zeit für einen Mittagsschlaf. Aber auch sonst fehlte mir die Energie für eine kreative Arbeitspause. Auf eine Nacht in Reggio Emilia hatte ich keine Lust.
Also fuhr ich nochmals 11 km bis zu einem preiswerten Motel.
Da sitze ich nun und draußen röhren die Aggregate der Klimaanlage mit dem Verkehr auf der Via Emilia um die Wette. Ich verzehr die letzte Banane und gesalzene Nüsse. Essen gibt es hier erst zum Frühstück, hatte da was verwechselt beim Buchen.

Das ausgetrocknete Flussbett des Secchia

Am Tor eines Hauses in Reggion Emilia

Die Ebene westlich der Via Emilia.