Heute früh hätte sie um ein Haar zugeschlagen, die Ausweisfalle. Die geht so: man gibt völlig erschöpft und in ein wenig Anspannung (Wo kann ich meinen Roller abstellen? Wo kann ich etwas zu essen bekommen? …) seinen Perso an der Rezeption des Hotels ab, und denkt nicht mehr daran, ihn wieder einzustecken bzw. die Angestellte lässt ihn neben ihrem Rechner liegen. Ist mir vor vier Jahren mal in Slowenien passiert und hat mich einen halben Tag Rückfahrt gekostet.

Als ich mich heute früh in das Quartier in Fidenza einchecken wollte, fand ich meinen Ausweis nicht. Zuletzt hatte ich ihn in der Hand, dachte ich, als mich am Bahnhof in Modena zwei Polizisten kontrollierten. Ich so: „Oh, sehe ich aus wie ein Krimineller?“ und übergab lächelnd meinen Perso. Die Herren kontrollierte auch eine ebenso seriös aussehende ältere Dame und widmeten sich dann einer jungen dunkelhäutigen Migrantin. Ah, dachte ich, ihr nutzt mich aus, um dem Vorwurf des racial profiling zu entgehen …Hatte ich den Perso danach unachtsam irgendwo hingeschludert? Einfach in die Hosentasche gesteckt? Verloren? Aus dem Portemonnaie gefallen beim Bezahlen?

Zum Glück habe ich für solchen Fälle auch meinen Reisepass in den Tiefen des Rucksacks verstaut. Aber dann fiel es mir ein: zuletzt hatte ich den Ausweis gestern Abend an der Rezeption im Hotel gezückt. Also runter an die Rezeption und alles war gut. Uff. Aber wie blöd wäre es ausgegangen, wenn ich keinen Grund gehabt hätte, den Ausweis zu suchen, wenn ich heute früh einfach aus der Tiefgarage davongerollert wäre?

Die via Emilia war heute nicht ganz so komfortabel, große Strecken ohne Radweg und viel Verkehr. 

Neugierig bin ich immer beim Überqueren von Flüssen. Die sind hier bis auf wenige grüne Pfützen oder mal ein kleines Rinnsal komplett ausgetrocknet. Von der Brücke über die Enza glaubte ich die Reste einer römischen Furt zu erkennen. Im Fluss waren Steinquader zu einer Art Straße zusammengefügt.

Gegen 11 h war ich schon in Parma, weit mehr als die Hälfte geschafft. Ich bin heute mit einem Durchschnitt von etwa 13 km/h unterwegs gewesen. Das ist eigentlich meine normale gemächliche Reisegeschwindigkeit und deutlich mehr als die knapp 10 km/h, die ich die letzten Tage immer wieder schiebend unterwegs war. Auch war es heute mit etwas über 30°C deutlich kühler als in den vergangenen Tagen. Für heute Abend sind Gewitter gemeldet, morgen soll es regnen.

Am Ortseingang erst mal zu Lidl. Von denen bin ich inzwischen Fan. Die haben hier in Italien nagelneue Filialen mit Solardächern und einer ganz schicken, frei zugänglichen Kundentoilette. Dort kann ich das gekaufte Obst immer gleich waschen.

Durch Parma führt die via Emilia schnurgerade hindurch. So wie auch in Modena sieht man Fahrleitungen für Trolleybusse, aber nicht die passenden Fahrzeuge.

Parma ist eine industriell geprägte Stadt. Neben dem Schinken kommen auch Barilla-Nudeln von hier. Das merkt man der Stadt aber auch an, weil sie nicht so extrem auf Tourismus fixiert ist. An einem nur für Busse vorgesehen, verkehrsberuhigten Abschnitt der Via Emilia habe ich mich vor ein Café gesetzt, welches von einem jüngeren chinesischen Paar betrieben wird. Die wollten – anders als in den typischen Touristenorten – wissen, wo ich herkomme. Zuletzt wollten sie auch mal den Roller testen. Ich sage nur: MIBO Royal aus dem schönen Tschechien.

Ich lag gut in der Zeit, habe recherchiert und ein wenig geschrieben, Leute beobachtet.

Die italienischen Städte fangen an, mich ein wenig zu langweilen. Fast jede hat einen Dom, weil irgendwann ein Bischof residierte. Alle haben natürlich ein jahrtausendealte Geschichte. Überall trifft am Baustile, die weit vor dem Mittelalter beginnen. Bei jedem dritten Haus denkt man: da wäre bei uns längst die blau-weiße Plakette angeschraubt. An den leerstenden Gutshäusern und Gehöften entlang meiner Route findet man bestenfalls „Se Vende“ -Poster. Oder auch diese Hoffnung wurde bereits aufgegeben und alles gammelt vernagelt und vermauert vor sich hin.

Die Via Emilia war sicher mal ein einträgliches Pflaster mit zahlreichen Reisenden, die Futter und Wasser für die Pferde brauchten, Quartiere, Bewirtung, Verpflegungspunkte in den Maßen eines Fußgängers. Was damals ein Standortvorteil war, ein Haus direkt an der Straße, ist heute ein Fluch. Selbst Restaurants, Motels, Läden für alle möglichen Waren, Autohäuser führen ein kümmerliches Dasein. Auch aus den letzten Jahrzehnten steht unglaublich viel leer.

Noch 15 km zum Quartier, und die waren nochmal etwas anstrengend, denn pausenlos überholten mich auf der hier recht schmalen Straße große Lkw und Sattelzüge mit Fracht für die Lebensmittelindustrie: Muldenkipper mit Tomaten und Getreide, zahllose andere Lkw, Traktoren mit Gülle. Gut, die nahmen immer einen fairen Abstand zu mir, aber man ist immer höllisch am Aufpassen, dass nicht doch einer mal zu früh wieder nach rechts zieht. Fußwege ober wenigstens breite Bankette gab es hier nicht.Vielleicht war ich ein Opfer der Maut für die parallel verlaufende Autobahn.

Da kam mir ein wenig Regen fast wie gerufen. Ich schwenkte ein in eine ehemals von Menschen betriebene Tankstelle wo es – wie selten – ein runtergekommenes Restaurant gab. Zwei alkoholfreie Bier und Gnochi in einer merkwürdigen rosa Soße. Die Gnochi zergingen am Gaumen wie ein zu lange gelutschter Kaugummi. Hier saß ich in einer bunten Gesellschaft derer, die sich nichts anderes leisten können, und denen es egal sein muss, wie abgerockt alles um sie herum aussieht.

Bei der Einfahrt in Fidenza ein ALDI: da musste ich rein, denn die führen mitten in Italien dunkles Brot. Einen kleinen frischen Leib und Käse – das ist mein Mahl für Abend und Frühstück. Ich genoss es wie Kuchen.

Heute übernachte ich in einem recht neuen Hochhaus in der vierten Etage in einer angenehm modern eingerichteten Ferienwohnung. Vor mir am Himmel blitzt es, Regen trommelt auf die blechernen Fenstersimse, unter mir liegt der Bahnhof. Die Waschmaschine habe ich mit viel Duschgel schon laufen lassen, sogar eine richtige Teekanne habe ich gefunden.

Morgen Abend bin ich schon in Piacenza, wo mich mein fotografierender Kollege Marco Rigamonti erwartet. Er schickte mir heute ein Foto des Artikels über mich aus der Regionalzeitung. Ich kann ihn zwar nicht lesen, weiß aber was drinsteht, denn ich habe ja gestern als Antwort auf Interviewfragen das meiste selbst geschrieben. Morgen soll es den ganzen Tag regnen und ich muss die schöne Wohnung bis 10 h verlassen. Wenn der Regen zu heftig ist, habe ich einen kurzen Weg zur Bahn.

Am Samstagvormittag bin ich eingeladen in Marcos Fotoclub einen kleinen Portfolioreview zu machen. Ich werde also die kommenden Tage wenig Zeit zum Schreiben am Blog haben.

Und zum Schluss: Wie ging es Seume vor 225 Jahren?

"Nun wollte ich den Abend in Parma bleiben und einen oder zwei Tage dort ausruhen und Bodoni sehen, an den ich Briefe von Rom hatte. Aber höre, wie schnurrig ich um das Vergnügen gebracht wurde. Am Tore wurde ich den achten Juni mit vieler Ängstlichkeit examiniert und sodann mit einem Gefreiten nach der Hauptwache geschickt. Ich kannte die Bocksbeutelei, ob sie mir gleich auf meiner Wanderung hier zum ersten Mal begegnete. Unterwegs freuete ich mich über die gutaussehenden Kaffeehäuser und saß schon im Geist bei einer Schale Eis: denn ich hatte einen warmen Marsch gehabt. Die Parmesaner saßen gemütlich dort und schienen viel Bonhommie zu präsentieren; nur hier und da zeigte sich ein breites aufgedunsenes Gesicht, wie ihr Käse. Auf der Hauptwache las der Offizier meinen Paß, rief einen andern Gefreiten und befahl ihm mit mir zu gehen. Ich glaubte, ich sollte zu dem Kommandanten gebracht werden, und hoffte schon auf eine ähnliche Bewirtung, wie in Augusta in Sizilien. Aber der Zug dauerte mir sehr lange; ich fragte und erfuhr nun, ich müßte zum Tore hinaus, ich dürfte nicht in der Stadt wohnen. Es war mir gleich aufs Herz gefallen, als ich auf dem Markte die Grenadiere so entsetzlich schön gepudert sah. Die Kerle trugen hinten Haarwülste, so groß wie das Kattegat. Ich forderte, man sollte mich zum Kommandanten bringen. Ma, mio caro, non posso mica; sagte mein Begleiter. Ich drang darauf!. Ma, mio caro, non sapete il servizio; questo non posso mica. Ich alter Kriegsknecht mußte mir die Sottise gefallen lassen. Warum hatte ich mich vergessen? Der Mensch hatte Recht. Wir kamen ans Tor, und ich fragte den Offizier, indem ich ihm meinen Paß wies, ob das eine humane Art wäre, einen ehrlichen Mann zu behandeln. Er sah mich an, sagte mir höfliche Worte und berief sich auf Befehl. Ich verlangte noch einmal zum Kommandanten gebracht zu werden; ich wollte hier bleiben, ich hätte Geschäfte. Er zuckte die Schultern; ein alter Sergeant, der ein etwas liberaleres Antlitz hatte, meinte, man könnte mich doch hinschicken; der Offizier war unschlüssig: Ma, mio caro, non possiamo mica, sagte der Gefreite von der Hauptwache, der noch dabei stand. Der Offizier sagte mir, er könne mir jetzt nicht helfen; ich könne morgen wieder hereinkommen und dann tun was ich wolle. Jetzt ging ich trotzig den Weg zum Tore hinaus. Der Gefreite hätte keine bessere Charakteristik von Parma und den Parmesanern geben können: Ma, mio caro, non possono mica. Ärgerlich und halb lachend ging ich in ein Wirtshaus eine gute Strecke vor dem Tore. Das nenne ich mir eine aufmerksame besorgliche Polizei. Ich hatte mir in Reggio den Bart machen lassen, ein reines, feines Hemd angezogen, mich geputzt und gebürstet. Ihre problematischen Landsleute zwischen Alikata und Terra Nuova, und ihre nicht problematischen Landsleute zwischen Gensano und Aricia hatten mir zwar bei ihrer braven Visitation einige Schismen in Rock und Weste gebracht; aber dessen ungeachtet hatte man noch in Bologna in guter Gesellschaft meinen Aufzug für sehr polito erklärt. Ich zog bei dem Offizier einige Mal meine goldene Uhr und erbot mich zehn Louisd'or Kaution zu machen, und im Passe war ich stattlich mit Signor betitelt: nichts, man gestattete mir kein Quartier in der Stadt. Und nun denkst Du, daß ich den andern Morgen hineinging und mich des fernern erkundigte? Das ließ ich hübsch bleiben. Wenn ich im Himmel abgewiesen werde, komme ich nicht wieder: diese Ehre erhalten die Parmesaner nicht. Ich aß gut und schlief gut, und schlug den andern Morgen den Weg nach Piacenza ein."

Der Taro mit Blick auf den Apennin
Tag 7 Von Gaida nach Fidenza
20. August 2026, 39 km bis km 489
Die trockengefallene Furt in der Enza




Neue Infrastruktur an der alten Römerstraße

Herr Pawlitzky in der italienischen Presse.